Hechingen Claudia Buckenmaier: In Trumps Achterbahn

Zwei Jahre in Trumps Achterbahn: Claudia Buckenmaier (rechts) beim Talk in Tübingen mit d.a.i.-Leiterin Ute Bechdolf.
Zwei Jahre in Trumps Achterbahn: Claudia Buckenmaier (rechts) beim Talk in Tübingen mit d.a.i.-Leiterin Ute Bechdolf. © Foto: Hardy Kromer
Hechingen/Tübingen / Hardy Kromer 18.01.2019
Die aus Stetten bei Hechingen stammende ARD-Nordamerika-Korrespondentin Claudia Buckenmaier ist auf Heimatbesuch.

So viele Hechinger auf einem Haufen trifft man in Tübingen sonst nur beim Umbrisch-Provenzalischen Markt. Am Donnerstagabend fuhren sie an den Neckar hinab, um eine national bekannt gewordene hohenzollerische Landsfrau zu sehen: Claudia Buckenmaier, die aus dem Stadtteil Stetten stammende Nordamerika-Korrespondentin der USA. Die 54-Jährige talkte unter dem Motto „Meet the Journalist“ vor weit mehr als hundertköpfigem Publikum im Deutsch-Amerikanischen Institut (d.a.i.) mit dessen Leiterin Dr. Ute Bechdolf.

Alle miteinander erlebten eine angenehm unprätentiöse, „normal“ gebliebene Fernsehberühmtheit, die sich von ihrem taffen Job und vom Washingtoner Politikbetrieb nicht verhärten lässt, sondern ihre Features und Reportagen mit einem höchst einfühlsamen Blick auf die Menschen angeht. Eine Vollblut-Journalistin, die dem deutschen Fernsehpublikum überzeugend und authentisch vermittelt, dass Amerika auch im Jahr 2019 weit mehr ist als das tumbe Gewitter von Donald Trump.

Dabei, so räumte Claudia Buckenmaier, ein, steuern die berüchtigten Tweets des Präsidenten, schon regelmäßig ihren Arbeitsalltag, wenn sie sich an ihrem Dienstsitz in Washington D.C. aufhält: „Die ersten haut er um 5.30 Uhr morgens raus, und dann gilt es einzuordnen, ob das, was er schreibt, etwas Neues ist oder etwas Aufgewärmtes.“ Seit fast auf den Tag genau zwei Jahren regiert Trump jetzt so, anderthalb davon hat Claudia Buckenmaier miterlebt, seit sie im Juli 2017 ihre USA-Mission antrat. Seither, so erzählte sie beim Talk in Tübingen, befinde sie sich in einer permanenten „politischen und medialen Achterbahn“.

Als Journalistin im Käfig

Ihre erste (Fern-)Begegnung mit Donald Trump hat sich der Korrespondentin nachhaltig ins Gedächtnis und in die Seele gebrannt. Vor Jahresfrist hatte die Auslandshechingerin schon im Interview mit der HZ davon erzählt, jetzt führte sie auch ihrem Publikum in Tübingen mit Bildern vor Augen, was es bedeutet, Reporterin am Hofe Trumps zu sein. Sie berichtete von einer Rally mit dem Präsidenten, einer jener Dauer-Wahlkampf-Veranstaltungen, die Donald Trump ihrer Einschätzung nach braucht „wie ein Elixier“. In den riesigen Hallen, so schilderte und zeigte sie, würden Journalisten „hinter Gittern eingepfercht“. Teil jeder Veranstaltung sei es, dass die Medienvertreter von Trump und seinen euphorisierten Anhängern ausgiebig „beschimpft“ würden: „Ich hab’ das selber erlebt. Es wird einem komisch, wenn dich alle hasserfüllt angucken.“

Kann sie Trumps Regentschaft auch etwas Positives abgewinnen? Claudia Buckenmaier („ich habe lange nachgedacht“) findet schon: „Er hat klar gemacht, welche Probleme die US-Gesellschaft, welche Konflikte immer unter den Teppich gekehrt wurden.“ Im Ergebnis hätten die jüngsten Midterm-Wahlen gezeigt: „Die Leute engagieren sich politisch viel mehr. Die Demokratie ist im Aufbruch.“ Plötzlich sehe man im Kapitol nicht mehr nur das alte Establishment, sondern „ganz andere Politiker“: Frauen, Native Americans, Afroamerikaner. „Und das ist doch was Positives.“

Noch ganz taufrisch erzählte sie von dem „bewegenden Moment“, als sie am 3. Januar miterleben durfte, wie mit Deb Haaland und Sharice David die ersten beiden indigenen Frauen in der Geschichte der USA ins Repräsentantenhaus einzogen.

„Ihr aufregendstes Erlebnis“, nach dem Ute Bechdolf fragte, hatte Claudia Buckenmaier aber außerhalb Washingtons, auf einer ihren vielen Reisen in die Weite des Landes. Sie berichtete von ihrer Begegnung mit Rose Escobar, einer Frau, die mit einem Einwanderer aus El Salvador verheiratet ist. Der Mann hielt sich illegal in den USA auf, hatte aber immer gearbeitet, Steuern gezahlt, eine Familie gründet, war dem Sozialstaat nie eine Last gewesen. Nur einmal im Jahr musste er sich den Behörden zeigen, dann durfte er wieder unbehelligt weiterleben. Als er dies 2017, kurz nach Trumps Wahl, völlig arglos wieder tat, wurde er jäh „in Ketten abgeführt“, in ein Lager gebracht und nach 14 Tagen ohne Kontakt zu einem Anwalt abgeschoben. Und eine bis dahin intakte, glückliche Familie sieht den Vater seither nur noch via Skype am Bildschirm. „Diese Schilderung“, sagt Claudia Buckenmaier, „ging mir total tief. Solche Geschichten bleiben.“ Und die Kontakte bleiben bei ihr auch. Denn sie ist keine Journalistin, die auf Nimmerwiedersehen abreist, wenn die letzte Szene gedreht ist. Ihr Kontakt zu Rose Escobar ist ein anhaltender geworden.

Menschen in Motels

Mit vergleichbarer Empathie begegnet die Hechingerin Sojabohnen-Bauern in Iowa, die unter Trumps Handelskrieg mit China zu leiden haben, oder chancenlosen Familien in Georgia, die in modrigen Motels leben müssen, weil sie sich mit ihrem Niedriglohn keine Wohnung leisten können. Die Buckenmaier-Reportagen zu diesen Themen, die im d.a.i.-Saal eingespielt wurden, beeindruckten die Zuschauer.

Wie bei ihren Beiträgen für den „Weltspiegel“ gab Claudia Buckenmaier auch beim Talk in Tübingen den Menschen ein Gespür dafür, was die Vereinigten Staaten auch in diesen Zeiten der weltpolitischen Entfremdung sind: ein vielfältiges, ein liebenswertes, ein erstaunliches, auf jeden Fall aber ein anderes Land.

Claudia Buckenmaier heute im Fernsehen

Eine halbe Stunde lang erzählt Claudia Buckenmaier am heutigen Samstag um 13.05 Uhr im NDR-Fernsehen die Geschichte von Rose Escobar, ihrem abgeschobenen Mann und ihrer Familie. Anschließend ist der Beitrag auch in der Mediathek abrufbar.

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