Hechingen Chris Kühn: Endlich den Klimaschutz angehen

Chris Kühn, Bundestagsabgeordneter der Grünen, hat auf seiner Sommertour auch der HZ-Redaktion einen Besuch abgestattet. Er fordert die Bundesregierung auf, sich endlich den globalen Menschheitsfragen zu widmen statt sich über Abschiebepläne zu zanken.
Chris Kühn, Bundestagsabgeordneter der Grünen, hat auf seiner Sommertour auch der HZ-Redaktion einen Besuch abgestattet. Er fordert die Bundesregierung auf, sich endlich den globalen Menschheitsfragen zu widmen statt sich über Abschiebepläne zu zanken. © Foto: Hardy Kromer
Hechingen / Hardy Kromer 17.08.2018
Chris Kühn (Grüne) erfährt auf seiner Sommertour, was die Leute bewegt: Wohnungsnot, langsames Internet, Klima-Sorgen.

Was bewegt die Menschen im Lande wirklich? Die von der CSU und der AfD ständig befeuerte angebliche Flüchtlingskrise? Das Fingerhakeln zwischen Seehofer und Merkel? Chris Kühn, Bundestagsabgeordneter der Grünen, hat vor einigen Wochen das Raumschiff Berlin befassen und ist auf Sommertour durch seinen Wahlkreis zwischen Bebenhausen und Stetten unter Holstein gegangen – und hat erfahren: Was die Leute wirklich umtreibt, sind ganz andere Themen: „dass die Zollernbahn überfüllt ist, dass Schulen modernisiert werden müssen, dass der Breitbandausbau zu langsam vorangeht, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird“. Und – weil es während Kühns Tour auch immer sehr heiß war: die Sorge um den Klimawandel.

Zwischen seinen Polit-Stationen hat der Kusterdinger mit seiner Familie Urlaub am Bodensee gemacht und auch dort die „dramatischen Auswirkungen“ des menschengemachten Klimawandels erlebt: Der See verschlickt, die Gewässerökologie droht zu kippen, Fische sterben. Anderswo wurde ihm über massive Ernteausfälle berichtet – und überall spürte er die Sorge: „Wird das jetzt zur Normalität, dass wir solche Sommer haben?“

Für den 39-Jährigen steht – nicht nur wegen dieses Extremsommers – fest: „Umwelt- und Klimathemen bräuchten eine viel höhere Priorität, als diese Bundesregierung sie ihnen gibt.“ Während Schwarz-Rot in Berlin darüber zanke, „ob man in den sogenannten Ankerzentren fünf Flüchtlinge am Tag mehr oder weniger unterbringt, schaut sie an den globalen Menschheitsfragen vorbei“.

Und was sind die Rezepte der Grünen, um den Klimawandel aufzuhalten? Kühn betont: „Der Kohleausstieg muss schnell kommen. Ohne den kann Klimaschutz nicht gelingen.“ Einen zweiten Ansatz sieht er in dem von den Grünen geforderten milliardenschweren Fonds für Klimaanpassung. Speisen sollen ihn die großen Kohlendioxid-Verursacher auf dem Energiesektor und in der Industrie. Bezahlt werden sollen daraus Hitzeschutz in Städten, Waldbrand- und Hochwasserschutz, Trinkwasservorsorge und Entschädigungen für die Landwirtschaft.

Eine weitere Forderung Kühns: verstärkte Investitionen in klimafreundliche Verkehrsmittel. Dazu zählt er selbstredend auch die geplante Regionalstadtbahn Neckar-Alb. Hier zeigt sich der Grüne froh, dass jetzt „alle Beteiligten mit Verve reingehen“. Allerdings vermisst er, dass die Bundesregierung endlich konkret sage, „wie das Geld zur Elektrifizierung der Bahnstrecken in die Länder und an die Kommunen kommt“.

Energiewende, Verkehrswende, auch eine Agrarwende hält Chris Kühn für dringend nötig – als Schlüssel zu einer naturverträglichen Lebensweise. Eine ganz aktuelle Forderung der Grünen auf diesem Sektor ist ein schnelles Verbot des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das nicht nur für das Insektensterben mitverantwortlich, sondern laut Weltgesundheitsorganisation auch „wahrscheinlich krebserregend“ ist.

Das jüngste Urteil eines hohen US-Gerichtes zugunsten eines Glyphosat-Geschädigten zeigt für Kühn: „Es sind längst nicht mehr nur grüne Spinner, die sagen: Das ist ein höchst gefährlicher Stoff, der auf unseren Äckern nichts zu suchen hat.“

Und auch nichts auf Bahntrassen, städtischen Grünanlagen und Schulhöfen. Chris Kühn schlägt den Bürgermeistern seines Wahlkreises deshalb vor, glyphosatfreie Kommune zu werden und damit anzufangen, dass die kommunalen Bauhöfe auf Spritzmittel mit Glyphosat verzichten: „Ich würde mir wünschen, dass da eine Bewegung von unten, aus den Kommunen heraus, entsteht.“

Im Herbst macht Kühn in Bayern Wahlkampf

Im Herbst will Chris Kühn ganz stark im Bayern-Wahlkampf präsent sein, „um der CSU-Hetze etwas entgegenzusetzen“. Und wenn am Ende die CSU die absolute Mehrheit verfehlt und die Grünen womöglich als Koalitionspartner gefragt sind? Kühn mag nichts ausschließen, hält es aber für „schwer vorstellbar, mit Söder, Seehofer und Dobrindt zu verhandeln“. Die CSU, so Kühn, habe „mit ihrer antieuropäischen Abschottungspolitik“ und mit ihrer Sprache des Rechtspopulismus „das Tischtuch mit uns Grünen ganz schön zerschnitten“. Mit so einer Partei, meint er, könne man keine gemeinsame Sache machen. hy

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