Mit noch höheren Haftstrafen als in der ersten Instanz und einem flüchtigen Angeklagten ging am Freitag der sogenannte „Blutrache-Prozess“ am Hechinger Landgericht zu Ende.

Der jüngere der beiden Angeklagten (21) wurde zu einer Jugendhaftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er ist der Bruder des am 1. Dezember 2016 in Hechingen auf offener Straße erschossenen Deutschkurden Umut K. Der damals 20-Jährige wollte den Tod seines Bruder rächen und schloss sich deshalb mit einem drei Jahre älteren Komplizen zusammen, um Waffen zu besorgen und Selbstjustiz zu üben. Sein Komplize sieht ebenfalls einer hohen Haftstrafe entgegen. Die 2. Große Jugendkammer des Landgerichts verurteilte ihn am Freitag zu sechs Jahren und sechs Monaten.

Das Urteil wurde in Abwesenheit des 24-Jährigen gesprochen. Er nutzte eine Sitzungspause, um zu fliehen. Der Angeklagte war auf freiem Fuß, nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil der ersten Instanz vom März 2018 aufgehoben hatte.

Polizeikontrolle vor dem Saal

„Die Anwesenheit des Angeklagten ist für die Urteilsverkündung nicht erforderlich“, stellte Vorsitzender Richter Volker Schwarz trocken fest. Sein Fluchtversuch werde dem Angeklagten „sicher nicht zum Vorteil gereichen“, kommentierte Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Beiter das überraschende Ende des Prozesstages.

Zahlreiche Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen verfolgten die Gerichtsverhandlung. Ebenso hoch war die Präsenz der Polizei. Jeder, der in den Gerichtssaal wollte, musste eine Sicherheitsschleuse passieren.  Bereits im Mordprozess Umut K. im Oktober 2017 war es zu massiven Drohungen zwischen den Anhängern der Opfer und der Angeklagten gekommen.

An vorderster Stelle stand damals der jetzt flüchtige 24-Jährige. Er hatte gegenüber dem Trio auf der Anklagebank eine Kopf-ab-Geste angedeutet. Unmittelbar nach diesem Tag im Juni 2017 begann er, zusammen mit dem Bruder des Ermordeten Rachepläne zu schmieden. Das unheilvolle Duo flog aber auf, wurde acht Wochen später in Reutlingen verhaftet und im März 2018 von der 1. Großen Jugendkammer des Landgerichts Hechingen wegen „Verabredung zum Mord“ zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Das Urteil der ersten Instanz hob der Bundesgerichtshof (BGH) jedoch auf, mit der Begründung, die Pläne der selbsternannten Rächer seien zu vage gewesen. Der Fall wurde zurück nach  Hechingen verwiesen und der Prozess musste neu aufgerollt werden.

Die beiden mehrfach vorbestraften Täter haben sich mit der Revision jetzt allerdings noch höhere Haftstrafen eingehandelt. Neue Erkenntnisse lieferte vor allem die frühere Freundin des 24-Jährigen. Sie ist aus Angst vor dem erheblich gewaltbereiten Angeklagten zusammen mit dem gemeinsamen Kind nach Lettland geflohen, konnte aber in einer Videokonferenz als Zeugin gehört werden. Ihre Aussagen belasteten die beiden Angeklagten schwer. Sie erinnerte sich, dass „Sniper-Gewehre, Handgranaten und Flammenwerfer“ beschafft werden sollten.

Das Rachekomplott sah vor, die für den Mord an Umut K. verurteilten Täter „durch gezielte Schüsse in die Haftzelle zu töten“, stellte Staatsanwalt Beiter in seinem Plädoyer fest. Für die Tat sollten konkret zwei Winchester-Gewehre, eines davon mit Zielfernrohr, gekauft werden.

Winchester mit Zielfernrohr

Hohe Beweiskraft rechnete Staatsanwalt Beiter auch den gesicherten O-Ton-Beweisen zu. Sie belegten, „wie entschlossen die Angeklagten waren, die Sache selbst in die Hand zu nehmen“. Die Mordpläne seien also keineswegs nur „Hirngespinste“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft sei im Gegenteil der festen Überzeugung, dass die Festnahme der beiden mehrfach vorbestraften Angeklagten „einen weiteren Mord verhindert hat“. „Was passieren kann, wenn scharfe Waffen in die Hände von Kriminellen fallen, hat der Mord an Umut K. gezeigt“, stellte Beiter abschließend fest.

Für den 24-Jährigen forderte der Staatsanwalt eine Haftstrafe von sechs Jahren und acht Monaten, unter Einbeziehung eines rechtskräftigen Urteils wegen Bedrohung und weiteren Strafen des Landgerichts Tübingen.

Für den 21-Jährigen forderte Beiter acht Jahre Haftstrafe nach Jugendstrafrecht, ebenfalls unter Einbeziehung weiterer Strafen, unter anderem für die Beteiligung an einem Brandanschlag auf eine Moschee in Weil am Rhein.

Der Strafverteidiger des 24-jährigen Angeklagten wertete die Mordpläne als „absolut fernliegend“. Eine Winchester sei ein Gewehr wie aus einem „Cowboy und Indianer“-Film. „Dass man damit vor eine JVA marschiert und durch ein kleines Fenster jemanden erschießt, kann nicht Ihr Ernst sein“, übte der Verteidiger Kritik am Plädoyer des Staatsanwalts. Die Angeklagten hätten sich doch „nur wichtig gemacht“. Daran ändere auch die Aussage der früheren Freundin des Angeklagten nichts. Sie sei als Zeugin unglaubwürdig, ihre Aussage „von erheblichem Belastungseifer geprägt“. Der „Unwille“ seines Mandanten, die Rachepläne in die Tat umzusetzen, zeige auch die glaubhafte Schilderung, dass er die wenigen hundert Euro, die bei Freunden und Verwandten für den Waffenkauf eingesammelt wurden, beim Friseur und auf einer Shoppingtour verpulvert hat. Der Anwalt plädierte auf eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten, und zwar für eine bereits rechtskräftige Verurteilung seines Mandanten wegen Bedrohung.

Einen „umfassenden Freispruch“ wollte der Verteidiger des 21-Jährigen erwirken. Das „Geschwätz“ der beiden Angeklagten könne für eine Verurteilung wegen Verbrechensverabredung „niemals ausreichen“. Die vermeintliche Vendetta sei ein „Wahndelikt“ und nichts weiter als „heiße Luft“ gewesen. Für eine Verabredung zum Mord fehle weiterhin, wie vom BGH beanstandet, die konkrete Person, Zeit und Vorgehensweise.

„Grenze des guten Geschmacks“

Nach den Plädoyers zog sich die Kammer zur Beratung zurück. Diese 45 Minuten nutzte der 24-jährige, um zu fliehen. Richter Schwarz verkündete trotz der Abwesenheit des Angeklagten das Urteil. Die beiden Täter seien zwar „Maulhelden“, aber ihre Rachepläne seien nachweislich mehr gewesen als eine „Spinnerei“. Es sei ganz konkret Geld gesammelt und Waffen seien bestellt worden, was in der Revisionsverhandlung vor allem mit Hilfe der Zeugin aus Lettland deutlich herausgearbeitet werden konnte. Alle Beweismittel, auch die Protokolle der Telekommunikationsüberwachung (TÜ), seien verwertbar, stellte der Richter fest. Dies Verwertbarkeit der TÜ-Protokolle war von der Verteidigung im Prozessverlauf in Frage gestellt worden. Der Richter rügte, dass einer der Strafverteidiger mit der Art seiner Anträge sogar bis „an die Grenze des guten Geschmacks“ gegangen sei.