Baudenkmal Bleigießen auf dem Kirchturm

Hechingen / Hardy Kromer 13.01.2018

An Silvester wird Bleigießen verboten – wegen gesundheitsgefährdender Dämpfe, die beim Schmelzen des Schwermetalls entstehen. Die Steinmetze, die den Turm der Hechinger Stiftskirche St. Jakobus restaurieren, dürfen, ja müssen dagegen weiter mit flüssigem Blei arbeiten. Nicht um aus dem Guss ihre eigene Zukunft oder die des gut 230 Jahre alten Baudenkmals abzulesen, sondern um die horizontalen Fugen zwischen den Sandsteinen wetterfest abzudichten. „Die waagrechten Fugen mit Blei auszugießen ist wesentlich stabiler als sie mit Zement zu verschließen, weil da ja das Regenwasser drauf stehen bleibt“, hat Dr. Heiko Zimmermann, der Vorsitzende des Fördervereins Stiftskirche, von den Steinmetzen gelernt.

Zimmermann hat uns an diesem Donnerstagvormittag mal wieder die vor der Stiftskirche aufgebauten Barrieren geöffnet und hinter der Verhüllung des Turmes 45 Meter hinauf geführt – bis auf die oberste Etage des Baugerüstes, von der aus man sein Auge über ganz Hechingen und weit darüber hinaus schweifen lassen kann, bis man am Horizont im Südwesten den Rottweiler Testturm als dünne Nadel die Wolkendecke kratzen sieht. Die Steinmetze von der Arbeitsgemeinschaft um die Haigerlocher Firma Roth waren in dieser Woche noch nicht wieder aus dem Weihnachtsurlaub zurückgekehrt. Aber wenn sie ihre Arbeit in luftiger Höhe demnächst wieder aufnehmen, dann wird das Verfugen – an der Wand mit Zement, auf Flächen mit Blei – zu ihren zentralen Aufgaben
gehören.

Der letzte Kraftakt, den die Handwerker noch im alten Jahr vollbracht haben, bestand darin, die acht riesigen Sandsteinvasen – eine jede gut 2,50 Meter hoch und anderthalb Tonnen schwer – nach ihrer (Teil-)Restaurierung in der Werkstatt wieder an ihre alten Sockel-Plätze auf dem Turmsims zu befördern. Dort erstrahlen sie nun in neuer Pracht – je nach Notwendigkeit mit neuem Deckel und Pilz – und sturm- und erdbebenfest mit flexibel schwingenden Edelstahlankern an der Turmwand befestigt.

Apropos Sturm: Der Orkan, der vor wenigen Tagen übers Ländle fegte, hat zwar dem Kirchturm nichts anhaben können, wohl aber das eine oder andere der Werbebanner, mit denen der Förderverein die 2,36 Millionen Euro teure Turmsanierung zu finanzieren hilft, mächtig zerzaust. Eine der Werbeflächen machte gar den Abflug und landete in einem Garten in der Katharinenstraße.

Wie lang wird der Turm von St. Jakobus noch eingerüstet und verhüllt sein und als Reklamefläche dienen? Heiko Zimmermann wagt keine genaue Prognose. Nur so viel: „Im Laufe dieses Jahres muss es passieren“, dass der Turm wieder frei und das Hauptportal für Kirchgänger und Brautleute wieder begehbar ist. Wobei der Fördervereinschef durchaus damit rechnet, dass die seit bald zwei Jahren laufenden Arbeiten auf Turmhöhe Mitte des Jahres abgeschlossen werden könnten („Die technisch aufwendigen Sachen sind gemacht“). Aber: Bevor das Gerüst, das in den nächsten Monaten Stück für Stück von oben abgebaut werden wird, ganz weg kommt, wird noch ein Anschlussgewerk erledigt: die Sanierung der beiden Seitenteile des Kirchenschiffs. „Dieses Projekt ist von der Erzdiözese bereits genehmigt“, verrät Zimmermann. Zwar werden an den Seitenschiffen wohl nur wenige Sandsteinquader komplett ausgetauscht werden müssen (am Turm sind es dagegen 800), aber die Fenstersimse bröckeln doch arg – und auch die von Steinewerfern beschädigten Bleigasfenster selbst gilt es teilweise zu ersetzen. Das ist ein Anschlussvorhaben, von dem die Öffentlichkeit bislang noch gar nicht erfahren hat.

Zurück zum Turm: Weit oben, am Rundturm, zeigt Heiko Zimmermann mit sichtlicher Freude das weitgehend abgeschlossene Meisterstück der Steinmetze: die restaurierten Tuchgehänge (Draperien). Diese für den frühklassizistischen Baustil der Stiftskirche typischen Ornamente haben die Fachhandwerker überall, wo es notwendig war, an Ort und Stelle aus neuen Sandsteinquadern herausgehauen, gewissermaßen bildhauerisch modelliert. „Vom Boden aus“, bedauert Zimmermann, „wird man später einmal gar nicht sehen, wie schön diese Girlanden geworden sind.“

Vom Boden – und von der ganzen Stadt aus – hörbar sein werden dagegen die beiden neuen Glocken, die Ende November in Karlsruhe gegossen wurden: die Papst Johannes XXIII geweihte Glocke mit einem Gewicht von 250 Kilogramm (Ton d’’) und die 170 Kilogramm schwere Luzius-Glocke (Ton e’’). Beide werden an einem noch festzulegenden Termin im Frühjahr feierlich geweiht werden, bevor sie dann mit Hilfe des Aufzuges und über das Gerüst in die renovierte Glockenstube befördert werden können.

Wichtige gute Nachricht zum Schluss: Obwohl die Großbaustelle deutlich länger dauert als anfänglich erwartet, bleiben die Kosten im vorgegebenen Rahmen. „Das Geld reicht auf alle Fälle“, sagt Zimmermann, der sich im Übrigen sehr darüber freut, dass die Spendenfreude der Hechinger nicht nachlässt. Auch deshalb hat der Förderverein nach zwei Jahren schon über 300 000 Euro auf dem Konto – und damit schon fast zwei Drittel seines Zieles erreicht.

Verfugen mit flüssigem Blei

Zum Abdichten großer Spalten kommt oft flüssiges Blei zum Einsatz. Der Werkstoff hat mit 327 Grad einen besonders niedrigen Schmelzpunkt. Bleistreifen oder -blöcke lassen sich in einer Kelle über dem Bunsenbrenner schmelzen und gezielt in die Öffnungen gießen. So verteilt sich das Material auch in schwer zugängliche Zwischenräume. Die Füllung wird nachträglich mit dem Meißel verstemmt und geglättet. Bleiverguss wird bei horizontalen Fugen und beim Eingießen von Ankern und Dübeln angewendet (Quelle: www.bauhandwerk.de).

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