Hechingen Birkenblätter machen Olivgrün

Wie schafft man es, aus weißer Wolle farbenfrohes Garn herzustellen? Bettina und Marcus Král machten die Besucher in der Villa rustica mit der Kunst des Färbens und Spinnens vertraut.
Wie schafft man es, aus weißer Wolle farbenfrohes Garn herzustellen? Bettina und Marcus Král machten die Besucher in der Villa rustica mit der Kunst des Färbens und Spinnens vertraut. © Foto: Diana Maute
Stein / Diana Maute 11.07.2018
Im Freilichtmuseum Stein wurde gezeigt, wie die Menschen in der Antike mit Pflanzen Farbe in ihr Leben brachten.

Bunt, bunt, bunt sind alle meine Kleider: Wer bisher glaubte, diese Zeile eines bekannten Kinderliedes würde nur für die Neuzeit gelten, den belehren Bettina und Marcus Král eines Besseren. Die beiden Tübinger sind Kräuterexperten aus Passion und betreiben neben einem Gewürz- und Kräuterhandel auch eine historische Pflanzenfärberei.

Was bei ihnen in den Färberkessel kommt, stammt direkt aus dem Schoß von Mutter Natur. Gewachsen am Wegesrand, auf Feldern, in Wiesen und Wäldern. Unterschiedlichste Pflanzen, von denen heutzutage viele als Unkräuter bezeichnet werden und die bei richtiger Behandlung eine faszinierende Färbekraft entfalten. Das wussten schon die Römer zu schätzen, denn wer will schon jeden Tag eine Tunika in langweiligem Braun oder Grau tragen? Also musste Farbe her.

„Indigo, Reseda und Krapp gab es bei den Römern bereits auf jeden Fall“, weiß Bettina Král. Seit 15 Jahren beschäftigt sie sich mit der Geschichte des Färbens. In dieser Zeit hat sie viel mit Pflanzen experimentiert, alte Rezepte ausprobiert, ideale Mischungsverhältnisse ausgelotet und dabei so manche Überraschung erlebt. „Oft kommt am Ende etwas ganz anderes raus, als man eigentlich erwartet hat“, weiß sie. „Das ist auch das Reizvolle am Färben mit Pflanzen.“ Denn so entstehen Unikate, die von echter Handarbeit und natürlichen Zutaten zeugen. Was alles möglich ist, zeigen die bunten Schals und Tücher aus Seide oder Baumwolle, die am mit Kräuterbüscheln geschmückten Zelt der Králs fröhlich im Wind wehen. Wer kräftiges Orange oder Orangerot mag, der färbt am besten mit Annattosaat oder Krappwurzel. Dezentes Olivgrün lässt sich mit Birkenblättern erzielen, während Blauholz ein kräftiges Violett ergibt.

Beim Färben spielen aber nicht nur die Zutaten, sondern auch noch viele  andere Faktoren eine Rolle. Naben der Wassertemperatur kommt es unter vielem anderem auch auf den Härtegrad des Wassers und die Einwirkzeit an. Beim Gastspiel der Králs im Römischen Freilichtmuseum von Stein werden alle Arbeitsschritte sichtbar. Während das Feuer unterm Färberkessel munter lodert,  werfen die Besucher neugierige Blicke hinein, um hautnah zu erleben, wie die Menschen vor vielen Tausend Jahren Farbe in ihren Alltag brachten.

„Seit der Bronzezeit ist das Färben mit Pflanzen bekannt. Dabei muss man sich mal vor Augen führen, wie aufwändig es damals war, ein Gewand herzustellen“, unterstreicht Marcus Král. Rund 20 Mal muss Wolle gewaschen werden, bis Schmutz und Fett vollständig entfernt sind. Danach folgt das Auskämmen, auch Kordieren genannt, das einst mit Hilfe von Disteln geschah. Erst dann ist die Wolle bereit zum Färben oder Verspinnen.

Wie Letzteres mit der Handspindel gemacht wird, führte Bettina Král geduldig vor, bevor sich die Zuschauer selbst an der hölzernen Spindel versuchen durften. Um dann schnell festzustellen: Es ist gar nicht so einfach, einige Gramm Wolle in einen gleichmäßig dünnen Faden zu verwandeln. Ist das Knäuel endlich fertig, kann es verwoben oder zum Stricken verwendet werden. Da ist längst klar, wie viel Zeit und Arbeit es kostet, ein ganzes Gewand in Handarbeit herzustellen. Kein Wunder, dass Kleidungsstücke einst so lange wie möglich getragen und immer wieder geflickt wurden.

Sklaven durften natürlich kein herrschaftliches Purpur tragen oder ein leuchtendes Resedagelb. „Ihnen war ein fahles Lila aus Holunderbeeren vorbehalten, das war günstig und leicht zu haben“, wissen die Experten. Der Spruch „Kleider machen Leute“ galt also bereits bei den Römern.

Info Die Färberei Král wird auch beim großen Römerfest in Stein am 25. und 26. August vertreten sein. Zudem bietet sie das ganze Jahr über Färbekurse an. Weitere Informationen gibt es unter www.mittelalterkraeuter.de.

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