Hechingen Premiere an der Alice-Salomon-Schule

Große Gesten, wie in dieser Szene von Sonja Conzelmann in der Rolle der jungen Joe, zogen sich durch die Inszenierung des Literaturkurses der Alice-Salomon-Schule.
Große Gesten, wie in dieser Szene von Sonja Conzelmann in der Rolle der jungen Joe, zogen sich durch die Inszenierung des Literaturkurses der Alice-Salomon-Schule. © Foto: Julia Schmiedeberg
Hechingen / Christoph Müller 31.07.2018
Der Literaturkurs der Alice-Salomon-Schule hat „Die Entdeckung der Langsamkeit“ auf die Bühne gebracht.

Wenn die ganze Welt gegen einen zu sein scheint, wenn man von allen Seiten gesagt bekommt, dass man nicht gut genug ist und wenn man mit sich selbst soviel zu tun hat, dass man den Anschluss an die anderen verliert, kann man sich aufgeben. Oder aber sich auf die Suche machen nach dem, was im Leben wirklich zählt.

„Mutig“ nannten manche Zuschauer der Premiere das Theaterstück, das der Literaturkurs der Alice-Salomon-Schule während eines Schuljahres entwickelt hat. Mutig, weil es mehr Fragen stellt als Antworten gibt? Mutig, weil es so gar nicht in unsere beschleunigte Zeit passen will? Oder mutig gar, weil es eine Botschaft transportiert, die so gar nicht wachstumsorientiert nach den Sternen der Besten, Schönsten und Größten greift?

Bei sich ankommen

Nein, die Schülerinnen und Schüler der Alice-Salomon-Schule haben nicht erzählt, wie man im Leben möglichst schnell fortkommt. Sie haben in ihrer gut einstündigen Inszenierung auf verschiedenste Weise die Frage gestellt, wie man möglichst nah bei sich ankommt. Vielleicht ist es eben diese unverblümte Ehrlichkeit zu sich selbst, den eigenen Träumen und Sehnsüchten, die bei dieser Arbeit Mut erforderte. Vom Text über Musik und Tanz bis hin zu Maske, Requisite und Regie lag die Verantwortung in Schülerhand. Es wurde getanzt (nach einer Choreographie von Tina Nägele), gesungen und natürlich auch gesprochen. Große Gesten und starke Bilder, die durch ihre Schlichtheit umso wirkmächtiger wurden, sind in akribischer Feinarbeit entstanden.

Es ging dem Literaturkurs von vornherein nicht darum, eine äußere Handlung abzuspielen. So ist denn auch Sten Nadolnys Romanvorlage allenfalls auf den zweiten Blick zu erkennen. Wichtig waren den Schülerinnen und Schülern die Themen, die in diesem Text erzählt werden, das Suchen nach dem eigenen, ganz individuellen Weg. Ganz zentral zog sich ein Lied durch das Stück. Joes Lied. Ilona Rössler hatte es eigens für den Literaturkurs komponiert, Pauline Menge den Text dazu geschrieben. Ob eingespielt als professionell aufgenommener Studio-Song, zur Untermalung dramaturgischer Wendepunkte im Hintergrund oder in reiner Textfassung als Zeichen dafür, dass es lohnt, an sich zu glauben, auch wenn die ganze Welt gegen einen zu sein scheint: Allein in diesem Lied spiegelten sich unzählige Identifikationspunkte, die die Zuschauer emotional ein Stück weit mit auf die Bühne holten.

„Vielleicht liebst du mich ja dann“, lautete die vage Hoffnung des letzten Verses in Joes Lied. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen in diesem Satz ebenso miteinander wie die vielen Möglichkeiten des modernen Menschen, sich zu verwirklichen, auf ein elementares Grundbedürfnis reduziert werden. Dieser Weg des Ankommens bei sich selbst war das Programm für die Hauptfigur Joe, für die Sten Nadolnys Protagonist John Franklin die Vorlage darstellte. Mit großer Präsenz und einfühlsamen Dialogen wagten sich gleich zwei Darstellerinnen an diese Figur: Sonja Conzelmann ließ eine verletzliche und nachdenkliche Joe als Kind entstehen. Ronja Schäfer verkörperte Joe als junge Frau, die ehrgeiziger und willensstärker erschien – allen Rückschlägen  zum Trotz. Eine tiefe, innere Kraft, befeuert von der Ahnung, dass es im Leben noch mehr geben müsse, als immer nur die Letzte zu sein, bildete das Band zwischen beiden Lebensphasen und wurde von beiden Akteurinnen in berührender Expressivität veranschaulicht.

Aus der Fassung gebracht

Bedrohlich strahlte im Schlussbild die Glühbirne, an der sich mancherlei Arroganz und Überheblichkeit entzündet hatte, aus ihrer Lampe. Diese erinnerte nicht zufällig an einen Galgen. Zum letzten Mal stellte der Hausmeister, den Giuliana Medjesi als gewitzt-witzigen Stichwortgeber und Seelentröster entwickelte, die Gretchenfrage dieses Stücks: „Wie viele Frauen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ Die Antwort blieb ohne Worte und bedurfte auch keiner: Hatte die alles überstrahlende Glühbirne die langsame, unsichere Joe als Kind aus der Bahn geworfen, brachte die gereifte Joe diese nun – noch immer langsam, aber zunehmend selbstbewusst – im wahrsten Wortsinn aus der Fassung.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel