Hechingen Bauern rufen Parolen gegen die Preußen

Auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erinnerte Stadtführer Wolfgang Heller an die Geschehnisse in Hechingen und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung.
Auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erinnerte Stadtführer Wolfgang Heller an die Geschehnisse in Hechingen und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 14.11.2018
Stadtführer Wolfgang Heller nahm die Zeit des Ersten Weltkriegs in Hechingen in den Fokus.

Die Zollernstadt am 1. August 1914: Bürgermeister Anton Häußler steht auf der Treppe des Rathauses und verkündet die Mobilmachungspläne des Reiches. Bereits einen Tag zuvor hatten die Zeitungen die Nachricht von der Verhängung des Kriegsrechts verbreitet. Wenig später sollte die Welt – auch im beschaulichen Hechingen – völlig aus den Fugen geraten. Auf den Tag genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs steht Stadtführer Wolfgang Heller am selben Platz vor dem Rathaus, umringt von einer Schar aufmerksamer Zuhörer und blickt zurück. Zurück auf eine Zeit, die sich als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in die Erinnerung eingebrannt und auch in Hechingen tiefe Spuren hinterlassen hat.

Im Fokus stehen dabei die Sorgen und Nöte der Bevölkerung, die sich in den Anfangstagen zunächst von der allgemeinen Kriegseuphorie mitreißen ließ. „Hunderte Menschen sollen nach der Mobilmachung in den Straßen zusammengelaufen sein“, erläutert Heller. Trommelschläge und Glockengeläut begleiteten das Geschehen, an den Stammtischen wurden patriotische Lieder angestimmt. „Hohenzollern war bereit und willig, als der Krieg ausbrach“, konstatiert der Stadtführer. Die Hechinger seien äußerst kaisertreu gewesen und dies bis zum Ende des Krieges geblieben. Auch wenn auf die anfängliche Begeisterung schnell die Ernüchterung folgte, als schon im August 1914 die ersten verletzten Soldaten heimkehrten.

Dem Monarchen treu zur Seite stand auch die Katholische Kirche in Hechingen, wie Heller in der Stiftskirche erklärt. Doch die vielen Kriegstoten erschütterten die hohenzollerischen Lande bis ins Mark. „Der Krieg verschonte fast keine Familie“, erläutert der Stadtführer mit Blick auf das Hechinger Kriegerdenkmal. 2800 von insgesamt 14000 Soldaten aus Hohenzollern verloren im Ersten Weltkrieg ihr Leben, 3800 wurden verwundet, 900 gerieten in Gefangenschaft.

Die Menschen in der Heimat mussten hungern und frieren. Die Kohlenversorgung wurde immer schwieriger, in den Geschäften wurden Brot und Mehl knapp und bald regelten die Oberämter den Verkauf. Bereits 1915 wurden die ersten Bezugsmarken ausgegeben, am Ende war fast nichts mehr ohne Karte erhältlich. In einem Leserbrief in der Zeitung wird ein Hechinger erwähnt, der sich über Lebensmittelkarten ernährte und nur noch 99 Pfund wog. Bitterste Armut beherrschte den Alltag. Dass es aber auch kleine Funken der Menschlichkeit gab, führt Heller mit der Erinnerung eines Mannes vor Augen, der als Vierjähriger von französischen Kriegsgefangenen ein Stückchen Weißbrot geschenkt bekam.

„Mit Kriegsbeginn wurde die Presse- und Meinungsfreiheit aufgehoben, es herrschte Zensur“, unterstrich Heller. Ein Jahr lang hat der Stadtführer jeden Tag die Zeitung aus dem Jahr 1918 gelesen und so dem Zeitgeist nachgespürt. Aus heutiger Sicht kurios anmutende Annoncen geben ein lebendiges Bild der damaligen Verhältnisse. Da begibt sich eine vierfache Mutter auf die Suche nach einem Bräutigam für ihre Nebenbuhlerin und eine Obstbaumbesitzerin kündigt das Aufstellen von Fallen gegen Diebe an. Ganz praktisch die Tipps, die in der Zeitung standen, etwa wie man Marmelade streckt oder ganz ohne Zucker, Fett, Eier und Milch einen Kuchen backt.

„Das Leben ging auch im Krieg weiter“, konstatiert Heller, als er von Theateraufführungen im „Museum“ erzählt, die noch im November 1918 stattfanden, oder von der Feier des Kaisergeburtstags. Im letzten Kriegsjahr wurden sogar noch Jugendliche in einer Jugendkompanie ausgebildet. „Dann aber überschlugen sich die Ereignisse“, so Heller. Vor dem Hechinger Rathaus kam es zur Demonstration, Soldaten,- Bauern- und Arbeiterrat gründeten sich. 60 Bauern skandierten preußenfeindliche Parolen. Die Sehnsucht der Menschen nach besseren Zeiten kommt in den Versen des Junginger Dichters Casimir Bumiller zum Ausdruck, dessen im Dezember 1918 erschienenes Gedicht zum neuen Jahr mit den Worten endet: „Schenk uns den langersehnten Frieden, und gib ihn uns im neuen Jahr zurück.“

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