Hechingen B 27: Straßenlärm wird zur Plage

Hechingen / Von Andrea Spatzal 06.07.2018
Die B 27 pumpt so viel Lärm in Hechinger Wohngebiete, dass viele Einwohner konsequentes Gegensteuern einfordern.

Eine Gruppe von Anwohnern aus dem Wohngebiet „Im Prinzling“ in der Hechinger Unterstadt hat sich zusammengefunden, um auf ein Problem aufmerksam zu machen, unter dem ihrer Meinung nach ganz Hechingen leidet: Lärm! Ein Lärmpegel, der von Jahr zu Jahr weiter ausschlägt. Der B 27 sei dank.

Die Anwohner im Prinzling sind freilich ganz nah dran und das gleich an mehreren Lärmquellen: ganz in der Nähe kreuzen sich die Bundesstraßen 27 und 32 und auf der andere Seite brettern die Züge der Bundes- und der Landesbahn vorbei. „Ruhig ist es hier eigentlich nur nachts zwischen 1.30 und 3.30 Uhr“, sagt Anwohnerin Heike Artic. Eine Nachtruhe bei geöffneten Schlafzimmerfenstern ist, selbst bei sommerlicher Hitze, fast undenkbar.

Anne-Lise Haug nickt zustimmend. In ihrem Haus im Prinzling haben sich vor kurzem einige leidgeprüfte Nachbarn zusammengefunden, um gemeinsam auf das Problem aufmerksam zu machen. Sie alle sagen übereinstimmend, dass der Lärmpegel in den vergangenen Jahren kontinuierlich und merklich zugenommen hat – und langsam an die Grenze des Zumutbaren stößt.

„Um 5 Uhr ist man wach“, berichtet Anne-Sophie Franke. Der tiefe Brummton der Hauptverkehrsachse sei praktisch immer gegenwärtig. „Es ist immer gleich schlimm, aber an manchen Tagen ist es unerträglich“, klagt die junge Hechingerin.

Anne-Lise Haug, die mit ihrer Familie schon seit 43 Jahren im Prinzling wohnt, und wegen des zunehmenden Verkehrslärms ihren herrlichen Garten kaum mehr genießen kann, hat sich jetzt sogar ein Schallpegelmessgerät zugelegt, um der Lärmbelästigung wenigstens ein bisschen Gegenwehr zu leisten. Und tatsächlich: Nur kurz hält sie den Dezibelmesser auf ihrer Terrasse in Richtung B 27 und schon zeigt das Gerät einen Wert von über 62 Dezibel (dB) an.

Das ist nur knapp unter dem vom Umweltbundesamt festgelegten Grenzwert, ab dem Straßenverkehrslärm gesundheitsschädlich wird: 65 Dezibel am Tage und 55 dB in der Nacht. Weiter stellt das Umweltamt fest: „Bei Mittelungspegeln über 55 dB außerhalb des Hauses ist zunehmend mit Beeinträchtigungen des psychischen und sozialen Wohlbefindens zu rechnen“.

Nicht nur die Anwohner im Prinzling, im Kessler und in der Gammertinger Straße haben das Dauerbrummen der B 27 in den Ohren. Die kleine Bürgerinitiative aus dem Prinzling weiß von ähnlichen Klagen aus angrenzenden Wohngebieten: am Schrofen, im Stockoch, am Schlossberg. „Ganz Hechingen hat ein Lärmproblem“, stellt Hans Dieter Lindner fest. Ein Sanierungsplan, eine „Lärmsanierung“ müsste her.

Die Betroffenen hoffen, dass sich die Stadt Hechingen diesem Thema bald stellen wird. Spätestens mit der weiteren Erschließung des riesigen Baugebiets Killberg müssten auch die Auswirkungen der B 27 auf die Bewohner stärker berücksichtigt werden.

Ausdrücklich machen die Anwohner aus dem Prinzling auf umliegende Gemeinden aufmerksam. In der 5000-Einwohner-Gemeinde Rangendingen wird ein Lärmaktionsplan umgesetzt und in der Ortsdurchfahrt wird sogar Flüsterasphalt eingebaut. Selbst das kleine Jungingen hat auf Wunsch seiner lärmgeplagten Einwohner die Geräuschkulisse der B 32 unter die Lupe genommen. Ebenso wird in Bisingen lebhaft über Verkehrslärm diskutiert. Im Kirchspiel hatte man bei der derzeit laufenden Belagserneuerung auf der B 27 schwer mit Flüsterasphalt gerechnet – wurde aber enttäuscht: „Die Lärmsanierungsgrenzwerte müssten überschritten werden, was aber nicht der Fall ist“, hieß es von Seiten des Regierungspräsidiums Tübingen. Anders ausgedrückt: Es war der Verkehrsbehörde auf der B 27 zwischen Steinhofen und Ausfahrt Bisingen nicht laut genug.

In Ofterdingen und Dußlingen wurde das offenbar anders gesehen, denn dort hat man den Lärm schluckenden Fahrbahnbelag ja bekommen. Auch Tempolimits wie die 100 km/h bei Balingen und Tempokontrollen, wie sie in beachtlicher Anzahl in Tübingen eingesetzt werden, sind für die B-27-Anlieger in Hechingen erstrebenswerte Ziele.

Lässt man den Blick noch weiter schweifen, stellt man schnell fest, dass mittlerweile in den meisten Städten und Gemeinden entlang von Bundesstraßen, speziell auch der B 27, Anwohner über hohe Lärmbelastung klagen und Kommunen alles daran setzen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um ihre Bürger besser zu schützen: Lärmschutzwände, Tempolimits, Tempokontrollen und Flüsterasphalt sind Möglichkeiten, die auch die kleine Bürgerinitiative aus dem Prinzling geprüft wissen möchte. Das sei ihr Wunsch und ihre Bitte an den neuen Bürgermeister der Stadt Hechingen, Philipp Hahn.

Jeder zweite Bundesbürger betroffen

Der Straßenverkehr ist seit langem die dominierende Lärmquelle in Deutschland. Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung fühlt sich durch Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage mit etwa 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum „Umweltbewusstsein in Deutschland 2016“ hervor.

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