Hechingen Aufbäumen zwischen Papierschiffchen

Berührende Szenen von Krieg, Flucht und Vertreibung: Die aus Syrien stammende Künstlerin Khadija Ghanem brachte im Café international ein Monodrama zur Aufführung.
Berührende Szenen von Krieg, Flucht und Vertreibung: Die aus Syrien stammende Künstlerin Khadija Ghanem brachte im Café international ein Monodrama zur Aufführung. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 20.11.2018
Die syrische Künstlerin Khadija Ghanem berührte im Hechinger Café international mit einem Monodrama.

Es ist so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, als Khadija Ghanem auf dem Boden im Konstantinsaal des „Museums“ liegt und dort minutenlang reglos verharrt. Um sie herum liegen Papierschiffchen, so instabil und leicht zerstörbar wie die Nussschalen, in denen sich jedes Jahr zigtausende Flüchtlinge auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen. Ihr größtes Gepäckstück: die Hoffnung auf ein besseres, friedliches Leben in Europa.

Khadija Ghanem weiß, was es bedeutet, im Krieg zu leben, Familienmitglieder und das eigene Zuhause zu verlieren und sich auf den Weg ins Ungewisse zu machen in der Hoffnung, dass irgendwo die Chance auf einen Neuanfang wartet.

Die zweite Chance genutzt

Die Künstlerin, die sich nicht nur der Malerei und Skulptur, sondern auch dem Theaterspiel verschrieben hat, hat diese zweite Chance bekommen. Seit drei Jahren lebt sie in Deutschland, seit zwei Jahren in Hechingen, wo sie auch künstlerisch tätig ist und bereits mehrfach ihre bildnerischen Arbeiten präsentiert hat. Zuletzt in einer Ausstellung mit dem Titel „lieblos“ im Bildungshaus St. Luzen. Auch in Meßstetten hat sie schon ihre Kunst gezeigt.

Im Rahmen des Café international, das der Arbeitskreis Asyl regelmäßig im Konstantinsaal auf die Beine stellt, zeigt Khadija Ghanem an diesem Sonntagnachmittag eine andere Facette ihrer Kunst – ihr schauspielerisches Talent. Mit dem Monodrama „Suche nach einer Heimat durch die Reise des Todes“ greift sie ein Thema auf, das viele der im Saal versammelten Frauen, Männer und Kinder am eigenen Leib erfahren haben – egal, ob sie aus Syrien oder Afghanistan, Gambia oder Eritrea stammen.

Geübt habe sie dafür nicht, sagt sie. Das, was sie ausdrücken will, die Gefühle und Emotionen, kommen aus ihrem tiefsten Inneren, spontan, ohne Netz und doppelten Boden.

„Ich will tanzen“

Begleitet von Musik wirbelt die junge Frau mit dem langen dunklen Haar und dem weiß geschminktem Gesicht durch den Raum; verkörpert die Lebensfreude, die sie vor Ausbruch des Krieges in ihrer Heimat verspürte, die Träume, die sie als junger Mensch hegte. „Ich will tanzen“, ruft sie ausgelassen, und doch blitzt bereits hier durch, dass die Unterdrückung, die in ihrem Land herrscht, ihre Freiheit nicht grenzenlos sein lässt. Die Musik verklingt, wird abgelöst durch die Geräusche eines grauenhaften Krieges. Gewehrsalven sind zu hören, in den Bewegungen von Khadija Ghanem, die sich duckt und windet, sind Angst und Verzweiflung geradezu greifbar. Hektisch schnappt sie ihren Rucksack, greift nach ihrem Koffer, rennt weg – entflieht Gewalt, Krieg und Terror, sucht Schutz und Frieden.

Ist das der Untergang?

Wenig später findet sie sich in einem Schlauchboot wieder, mitten auf dem Meer, auf dem Wellen und Stürme die Hoffnung schwinden lassen. Ist das der Untergang? Endet die Flucht vor dem Tod mit dem Tod? Das Aufbäumen zwischen den Papierschiffchen legt sich. Nichts bewegt sich mehr, die junge Frau scheint resigniert zu haben. Die Heimat ist verloren und mit ihr das ganze Leben.

Das Monodrama ist zu Ende, Khadija Ghanem steht auf und zeigt ihr strahlendes Lächeln. Sie ist eine der Glücklichen, die gerettet wurden, deren Hoffnung auf ein neues Leben sich erfüllt hat. Und doch hat auch sie so viel verloren. Sie weiß: „Acht Jahre Krieg in Syrien, das bedeutet fünf Millionen Kinder, die seit acht Jahren ohne Schule sind. Millionen Frauen, die vergewaltigt werden. Millionen Menschen, die ohne Zukunft sind.“ Leid ohne Grenzen, das die Künstlerin nicht loslässt. „Mein Herz tut mir weh“, sagt Khadija Ghanem und wünscht sich, dass die Welt die Menschen, die von Krieg und Flucht betroffen sind, nicht vergisst.

Das nächste Mal kommt der Nikolaus

Das nächste Café international findet am Sonntag, 16. Dezember, ab 15 Uhr im Konstantinsaal des „Museum“ statt. An diesem Tag wird der Nikolaus dem Café einen Besuch abstatten und seine Gaben an Groß und Klein verteilen.

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