Hechingen Auf der Spur des Merians

Hechingen / ANTONIA LEZERKOSS 14.08.2012
Mit Stadtführerin Ursula Stobitzer folgte eine höchst interessierte Gruppe den Spuren des Matthäus Merian - nach dem gleichnamigen Plan aus dem 17. Jahrhundert.

Die unterhaltsamen und informativen Führungen in und um Hechingen erfreuen sich beim Publikum größter Beliebtheit. Da bildete - trotz Urlaubszeit - der Gang durch das historische Hechingen nach dem Plan des im 17. Jahrhunderts entstandenen Merianstichs keine Ausnahme. Der berühmte deutsch-schweizerische Kupferstecher Matthäus Merian hat zwei Kupferstiche von Hechingen - datiert mit 1643 und 1662 - hinterlassen. Sie sind in der "Topographia Sueviae" - einem Band der "Topograhia Germaniae", dem 14-bändigen Hauptwerk Merians - gelistet.

Die Arbeiten zeigen in vielen Einzelheiten Obstbaumgärten, Felder und Wiesen, gräfliche Jagdreviere (Thiergärten) mit umgebenden Zäunen, die Burg Hohenzollern, die Heiligkreuzkapelle mit sieben Stationshäuschen, Boll, Maria Zell mit Zeller Staig, das Kloster Stetten, das Kloster St. Luzen, das Niederhechinger Kirchlein und ein schönes Stadtbild mit Unterem und Oberem Tor, die Marienkirche und das Renaissanceschloss Friedrichsburg.

Doch wie kommt dieser in seiner Zeit bedeutendste Kupferstecher und Verleger dazu, einen Stich von Hechingen, einer unbedeutenden Grafschaft im Schwäbischen, zu fertigen und wie ist der Kupferstich tatsächlich zu datieren? Diese Fragen zogen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Stadtführung, die an der Johannesbrücke und dem damaligen Lustgarten samt Rennbahn ihren Anfang nahm.

Der Lustgarten lag vor den Toren Hechingens und diente dem Grafen sozusagen als Sommerfrische. In nächster Nähe dazu befanden sich die in der damaligen Zeit jüngst errichtete Spittelkirche und das Spital zum Trost und zur Hilfe armer, kranker und gebrechlicher ehemaliger Bediensteter des Grafen.

In dem Bestreben, Hechingen zu einer fürstlichen Residenz auszubauen, hat Graf Eitelfriedrich I. von Hohenzollern - auch genannt der "Prächtige" (1545 - 1605) - unter anderem diesen Bau in Auftrag gegeben. Im Bereich der Walkenmühle versäumte es Ursula Stobitzer nicht, auf die Wichtigkeit von Mühlen innerhalb eines Gemeinwesens in der damaligen Zeit hinzuweisen - Mühlen bedeuteten Wohlstand.

Eine Vielzahl von diesen befanden sich am Mühlkanal: unter anderen die Stadtmühle, die Streckenmühle, die untere Mühle und die Gipsmühle. Der Zugang zur Stadt über die Starzel erfolgte im Bereich der heutigen Hugobrücke, wobei nicht bekannt ist, ob als Furt oder Brücke.

Es war ein sehr steiler und beschwerlicher Aufstieg. 24 Ochsen mussten die Karren den Berg hochziehen. Über die Staig gelangten die Führungsteilnehmer schwer schnaufend zur ehemaligen Stadtmauer. Sie ist noch teilweise erhalten und bildet heute das Fundament für Wohnhäuser. Gemächlich setzte der Zug seinen Weg durch die Krapfgasse Richtung Stiftkirche (damals noch die Vorgängerin der Kirche "zu unserer lieben Frau") und zum Obertorplatz, der damaligen "Leymengrub", fort. Vor dem Obertor befand sich ein Weiher. Er diente als Feuerlöschteich und lieferte Lehm zum Hausbau. Das "Malefizgericht" tauchte den Verurteilten in einen Käfig, der mit einem Seil am Wippgalgen (Gießhübel) hing, bis kurz vor dem Ertrinken hinein.

In der Rabengasse bot sich ein schöner Ausblick auf die Umgebung (auf dem Kupferstich Niederhechingen mit Kirche) und die ehemalige Pfarrkirche St. Luzen. Ursula Stobitzer hat sich den Merianstich genau angeschaut und entdeckt, dass dem Künstler bei seiner Arbeit eine Verwechslung unterlaufen ist: Der Stich zeigt anstelle des Franziskanerklosters St. Luzen die Dominikanerinnengrablege Stetten.

Am Schlossplatz stand ehemals das vierflügelige Renaissanceschloss Friedrichsburg. Graf Eitelfriedrich I. strebte die Fürstenwürde an. Die baulichen Umgestaltungen der Stadt, die großartig ausgerichtete Hochzeit seines Sohnes Johann Georg und auch das weithin gerühmte kulturelle Leben am Hofe zielten darauf ab. Er war es wohl, der den Kupferstich in Auftrag gegeben hat.

Als weiteren Hinweis für ein früheres Datum des Kupferstichs sieht Ursula Stobitzer die Zeit während und nach dem 30-jährigen Krieg, in welcher derart "blühende Landschaften" auch in und um Hechingen nicht die Realität waren.

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