Erinnerung Auch Musik kann erinnern

Zum Gedenken an die Opfer des 9. November 1938 brachte das Ensemble um Günter Sommer das musikalische Drama „Hochzeit in Kommeno“ auf die Bühne der Alten Synagoge. Foto: Antonia Lezerkoss
Zum Gedenken an die Opfer des 9. November 1938 brachte das Ensemble um Günter Sommer das musikalische Drama „Hochzeit in Kommeno“ auf die Bühne der Alten Synagoge. Foto: Antonia Lezerkoss © Foto: Foto: Antonia Lezerkoss
Antonia Lezerkoss 11.11.2016

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus bei der Pogromnacht am 9. November 1938 brachte das Ensemble  Günter (Baby) Sommer das musikalische Drama „Hochzeit in Kommeno“ nach Texten des Griechen Dimitris Vlachopanos auf die Bühne der Alten Synagoge. „Ich bin kein Politiker, was ich geben kann, ist Musik. Deshalb entschied ich mich, für ein musikalisches Projekt, das den Namen des Dorfes und die Erinnerung an das Leid der Opfer in den Mittelpunkt rückt“, sagte der weithin bekannte Jazzer und Schlagzeuger, der die Entstehung der ungemein aufwühlenden Performance erläuterte. Sommer war vor einigen Jahren mit der Geschichte des Ortes konfrontiert worden.

Ein griechischer Kollege hatte ihn zu einem Konzert in Kommeno eingeladen. Dort erfuhr Sommer durch den Bürgermeister von der Geschichte des Dorfes. Er war zutiefst erschüttert, als er am Vorabend seines Auftritts von diesem Kriegsverbrechen erfuhr: Im Morgengrauen des 16. August 1943 steuert eine Kolonne von vier Lastwagen, an Bord 120 Soldaten, auf das nach einer Hochzeit vollständig in friedlichem Schlummer liegende Dörfchen Kommeno zu. Nur wenige Stunden später liegen liegen 317 der Einwohner, darunter 97 Jugendliche, 42 Kinder, 29 Kleinkinder und 13 Säuglinge, ermordet in ihrem Blut. Auslöser dieser als „Sühnemaßnahme“ bezeichneten Aktion war ein Tage zuvor gesichtetes Maschinengewehr gewesen. Sommer beschloss, sein Konzert den Opfern zu widmen.

Dies führte in direkter Linie zu dem Projekt „Songs for Kommeno“ und in dessen Fortsetzung zu der szenischen Lesung „Hochzeit in Kommeno“. Dabei wird versucht, das Geschehen von vor über 70 Jahren musikalisch umzusetzen. Ausdrucksstark und passioniert veranschaulichten Günter Sommer, Katharina Hilpert-Sommer (Flöten) sowie Sarah Klapp und Katie Gasse mit rastlos getriebener, beunruhigender Musik und bewegenden Texten Hochzeitsvorbereitungen, die von der Tötungsmaschinerie der Wehrmacht jäh zunichte gemacht werden. Mit bisweilen ganz sparsamen Mitteln: mannigfaltigen Flöten, die den Tenor der Musik bestimmten, vielfältigen Percussions-Utensilien, aber auch ideenreichen Glocken- und Gongvarianten. So gelang den Akteuren eine expressive, atmosphärisch dichte Darstellung – eine intensive, ergreifende Musik aus einem furchtbaren Anlass.

Auf einleitendes Schlagzeugsolo folgten Schalmeientöne, das Läuten von Kirchenglocken. Fieberhaftes Schlagwerk kündigt die Nazi-Schergen an, bellende Befehle, schließlich Schreie, ein Stimmengewirr. ein gellendes „Warum“ und danach gespenstische Stille. Gebannt hatten die Besucher das Geschehen verfolgt und spendeten erst nach einem kurzen Moment den gebührenden Beifall. Zu Beginn hatte Cornelia Maas, Vorsitzende der Initiative Hechinger Synagoge, Auszüge aus Anmerkungen von Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, verlesen.

Das Klagelied gibt es auf CD

Das Ende und zweifellos sehr bewegender Höhepunkt der „Hochzeit in Kommeno“ ist der auf CD aufgenommene und unbegleitete Klagegesang („Miro loi“) der mittlerweile weit über 80-jährigen Maria Labri, die das Massaker überlebt hat, weil sie im Nachbardorf war. Mit brüchig-rauer Stimme berichtet sie von den entsetzlichen Gräueln der Wehrmacht.

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