Hechingen Apollos Schicksal spaltet die Stadt

Hechingen / Matthias Badura 18.10.2018
Der Leinenzwang-Verweigerer Martin Tolgar Klein hat Bußgelder nicht bezahlt. Jetzt wurde ihm der Hund weggenommen.

In Hechingen kennt die beiden jeder: Martin Tolgar Klein, gelernter Steinmetz, Frührentner, Künstler und Lebenskünstler, den die HZ freundschaftlich auch schon mal als „Huckleberry Finn“ der Kommune bezeichnet hat. Und seinen Boxer-Hund Apollo. Ein unzertrennliches Paar die beiden. Jetzt nicht mehr.

Am Mittwochmorgen gab es einen Polizeieinsatz in der Hechinger Münzgasse 2, wo Martin Tolgar Klein in einem älteren Haus lebt, man könnte freilich auch sagen: haust. Apollo wurde ihm weggenommen und ins Tierheim nach Tailfingen gebracht, ihn selbst steckte man wegen nicht bezahlter Bußgelder ins Gefängnis. Dort saß er mehrere Stunden, bis ihn eine Hechinger Geschäftsfrau auslöste.

Polizei kommt mit Pfefferspray

In der Schilderung Kleins verlief der Polizeieinsatz dramatisch. Morgens um sieben Uhr seien mehrere Streifenwagen mit sechs Mann Besatzung vorgefahren, man habe ihn aus dem Schlaf geklingelt und ihn aufgefordert, eine bei der Stadt anhängige Strafe zu bezahlen. Doch bevor er Zeit erhalten habe, das Geld bei einem Nachbarn aufzutreiben, habe einer der Beamten seine Haustüre eingetreten, während der zweite durchs Fenster ins Haus einstieg. Apollo sei mit Pfefferspray traktiert worden, ihn selbst habe man erst zu Boden gerissen, später in Handschellen abgeführt – auf geradem Weg in die Hechinger Justizvollzugsanstalt.

Wer war dafür verantwortlich? In die Wege geleitet wurde der Einsatz von der Stadt Hechingen, weil, wie deren Pressesprecher Thomas Jauch erklärt, der Hundebesitzer Klein mehrere Bußgelder nicht bezahlt hat, die im auferlegt wurden, nachdem er permanent gegen die Leinenpflicht in der Stadt verstieß.

„Herr Klein hatte zirka ein Jahr die Möglichkeit, die Bußgelder zu begleichen beziehungsweise einen Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt anzutreten. Dies hat er nicht getan, woraufhin die Stadt die Erzwingungshaft beantragt und vollstreckt hat“, heißt es in der Stellungnahme aus dem Rathaus.

Dass Klein seinen Boxer nie an der Leine führt und sich auch offen weigert, das zu tun, ist stadtbekannt. Sein Hund sei der friedlichste der Welt und gut erzogen, argumentiert der 42-Jährige regelmäßig. Und ebenso regelmäßig kommt oder kam das Thema im Hechinger Gemeinderat zur Sprache, wo eine gute Anzahl der Mitglieder die Ansicht vertritt, man könne dieses Verhalten nicht hinnehmen. Andere Hundebesitzer müssten sich schließlich auch an die Leinenpflicht halten.

Apollo muss im Tierheim bleiben

Wie Klein der HZ am Donnerstag berichtete, habe er sich nach seiner Freilassung am Mittwoch sofort nach Tailfingen fahren lassen, um seinen Hund zu holen. Doch im Tierheim habe man ihm den Boxer nicht aushändigen wollen. Erst müsse das Ordnungsamt Hechingen dazu sein Einverständnis erteilen, habe es geheißen. Auch seine gestrigen Versuche, Apollo zurückzubekommen, blieben erfolglos. Als die HZ mit Klein sprach, kam er soeben aus dem Rathaus. Man habe ihn im Kreis herumgeschickt, kein Verantwortlicher sei zu sprechen gewesen.

In Kleins Augen Schikane, ein abgekartetes Spiel. Am Mittwoch sei ihm gesagt worden, man habe Apollo ins Tierheim gebracht, weil man davon ausgehen musste, dass sein Besitzer mehrere Tage im Gefängnis hockt. Einverstanden, so Klein – aber jetzt sei er ja wieder hier. Man könne doch nicht einfach seinen Hund einbehalten? Scherereien gebe es jetzt auch wegen der Eigentumsfrage, wem der Vierbeiner, den er vor Jahren von einem Nachbarn geschenkt bekam, eigentlich gehört. Scheinbar ebenfalls ein Grund, das Tier vorerst einzubehalten. Vorwände, glaubt sein Herr. Inzwischen scharen sich zahlreiche Unterstützer um den 42-Jährigen, im Medium Facebook häufen sich die Solidaritätsbekundungen, es finden sich empörte Kommentare und Berichte von Anwohnern, die eigener Aussage zufolge Zeugen des Polizeieinsatzes waren. Die Betreiberinnen des Tattoo-Studios „Nachtschwärmer“ haben zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen. Darin wird von Bürgermeister Philipp Hahn die „sofortige Freigabe des Hundes“ gefordert. Auf der Facebook-Seite „Liartika“ findet sich ein Musterbrief an Hahn. 40 unterschriebene Exemplare stapelten sich schon am Donnerstagvormittag im Bürgermeisterbüro.

Freiheit für Apollo? Doch das dürfte nicht so schnell gehen. Wie das Hechinger Stadtoberhaupt gegenüber der HZ deutlich machte, sei er nicht bereit, sich umgehend erweichen zu lassen. Er wisse sehr wohl um das besondere Verhältnis von Klein zu seinem Hund: „Er ist ja beinahe wie ein Kind für ihn.“ Man habe auch immer wieder ein Auge zugedrückt, wenn er der Leinenpflicht nicht nachkam. Doch irgendwann sei Schluss, zum einen weil sich zahlreiche Bürger beschwert hätten, zum anderen weil es eben doch zu verschiedenen Zwischenfällen mit dem Tier gekommen sei.

Deshalb habe man im Sinne der Gleichbehandlung aller Hundebesitzer jetzt einschreiten müssen. Dann die klare Aussage des Hechinger Stadtoberhauptes: „Wenn er sich nicht an die Leinenpflicht hält, kriegt er seinen Hund nicht.“

Hahn: Nicht ohne Kaution

Ein denkbarer Weg wäre für den Bürgermeister, dass Klein eine eidesstattliche Erklärung unterschreibt und eine Kaution hinterlegt, die eingezogen wird, wenn er Apollo erneut nicht an die Leine nimmt. Mit einer bloßen Zusage Kleins würde er sich nicht begnügen. Dafür habe er sich in Vergangenheit allzu oft uneinsichtig gezeigt.

Polizei: „Einsatz war verhältnismäßig“

Die Einzelheiten des Polizeieinsatzes in der Münzgasse 2 wollte der Sprecher der Polizeidirektion Tuttlingen vorerst nicht kommentieren, da ihm noch nicht alle Details bekannt seien. Aber selbst wenn sechs Beamte vor Ort gewesen sein sollten, was er momentan nicht bestätigen könne, sei das nicht ungewöhnlich. Auch, dass Klein überwältigt wurde und man gegen den Hund Pfefferspray einsetzte, stehe im Verhältnis. Klein sieht das anders: „Aber ich will nicht klagen, ich werde keine Anzeige erstatten. Ich will nur, dass mein Hund wieder da ist.“

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