Kaum neue Erkenntnisse über die Rachepläne der beiden 21- und 24-jährigen Angeklagten brachte der zweite Verhandlungstag im Revisionsprozess vor der 2. Großen Jugendkammer des Landgerichts Hechingen. Der jüngere der Angeklagten ist der Bruder des im Dezember 2016 in Hechingen erschossenen Umut K.

Zwei der am zweiten Freitag geladenen Zeugen machten keine Angaben, einer hatte sich krank gemeldet und eine wichtige Zeugin blieb einfach unentschuldigt fern. Ihr Versäumnis hat eine Ordnungsstrafe zur Folge. Die Zeugin soll zum nächsten Verhandlungstermin am 3. Mai erneut geladen werden.

Die junge Frau spielt eine nicht geringe Rolle in dem Revisionsprozess. Sie war im fraglichen Zeitraum die Freundin des heute 24-jährigen Angeklagten, erwartete sein Kind. In seinem Revisionsantrag und in Bittbriefen an den Bundesgerichtshof hat der 24-Jährige mehrfach beteuert, wie wichtig ihm seine Beziehung zu dieser Frau und seinem neugeborenen Kind sei. Inzwischen scheint sich der Angeklagte jedoch wieder anders orientiert zu haben. Jedenfalls freute er sich am Freitag sichtlich und ausdrücklich, dass die nicht erschienene Zeugin eine Ordnungsstrafe zu erwarten hat.

Zwei Männer haben am Freitag den Zeugenstand verlassen, ohne Angaben zu machen: ein Cousin des 21-jährigen Angeklagten sowie und der vermeintliche Waffenhändler aus dem Raum Pforzheim. Der Cousin beschrieb die Beziehung zwischen dem Angeklagten und seinem Bruder Umut als eher distanziert. Weitere Angaben machte er nicht. Der Zeuge aus Pforzheim machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, zumal er sich selbst hätte belasten müssen.

Gehört wurden am Freitag außerdem ein Polizist und eine Richterin, die mit der Verhaftung der beiden Angeklagten am 1. und 2. August 2017 unmittelbar zu tun hatten. Gezielt befragte sie der Vorsitzende Richter Schwarz nach zwei Widersprüchen, die von den Anwälten des  24-jährigen Angeklagten eingebracht wurden: Ihr Mandant habe während der Verhaftung und Vernehmung unter dem Einfluss von Medikamenten, einem Schmerzmittel zur Behandlung einer Handverletzung, gestanden. Außerdem sei er von Polizisten getäuscht worden, die ihn glauben gemacht hätten, der Mitangeklagte hätte bereits umfassend ausgesagt.

Beide Zeugen konnten sich an die bereits eineinhalb Jahre zurück liegenden Ereignisse teilweise nicht mehr genau erinnern und verwiesen auf die jeweiligen Protokolle. Auch der Arzt, der die Hafttauglichkeit der Festgenommen attestiert hatte, wurde gehört. Das Medikament, das der Angeklagte angab einnehmen zu müssen, habe auch in erhöhter Dosis  keine gravierenden Auswirkungen, stellte der Arzt fest.

Ein weiterer Widerspruch der Anwälte richtet sich übrigens gegen die Telefonüberwachung zum Nachteil ihres Mandanten. Diese wurde in Zusammenhang mit einem Anschlag auf eine Moschee in Weil am Rhein im Frühjahr 2017, in die der 21-jährige Angeklagte verwickelt war, richterlich angeordnet – und brachte die Polizei schließlich auf die Spur der beiden selbsternannten Rächer und deren Pläne für eine Vendetta. Die Verteidiger des 24-Jährigen sind der Überzeugung, dass die Telefonüberwachung gesetzeswidrig war und die gesammelten Kommunikationsdaten als Beweismittel damit  unbrauchbar.

Die beiden Anwälte des 24-Jährigen wollen in der Revisionsverhandlung die 2. Große Jugendkammer und den Staatsanwalt davon überzeugen, dass  ihr Mandant nicht vorhatte, Waffen zu kaufen, um damit Rache zu üben.  Ein Protokoll, das in der Verhandlung am Freitag verlesen wurde, enthielt tatsächlich eine Art Beleg dafür: Der  24-Jährige ließ die Haftrichterin damals sinngemäß wissen, dass er die Waffen niemals tatsächlich gekauft hätte. Er habe seinen Mitangeklagten lediglich „abzocken“ wollen.  Von den mehreren hundert Euro Anzahlung, die er von Umuts Bruder für den  Waffenankauf bekommen habe, sei er beim Friseur gewesen und habe sich neue Anziehsachen gekauft.

Die Verhandlung wird am 3. Mai fortgesetzt.

Ursprung ist der Mordfall Umut K.


Neu verhandelt wird, nachdem der Bundesgerichtshof (BGH) dem Revisionsantrag  des 24-Jährigen stattgegeben hat, der sogenannte Blutrache-Prozess, der vor einem Jahr für Schlagzeilen sorgte. Den beiden Angeklagten wird zur Last gelegt, nach dem Mord an dem jungen Kurden Umut K. im Dezember 2016 in Hechingen, Rachepläne gegen die Täter und deren Familien geschmiedet zu haben. Zu diesem Zweck hätten sie versucht, Kriegswaffen zu kaufen. Beide Angeklagten wurden im März 2018 zu hohen Haftstrafen verurteilt.  Der BGH wandte ein, dass der Racheakt für die Urteile „nicht hinreichend konkretisiert“ war, sich vielmehr noch in einem „allgemeinen Planungsstadium“ befunden habe, und verwies den Fall zurück ans Landgericht Hechingen.