Die taube Frau liegt schon auf dem Boden, doch sie hat noch die Kraft, ein Foto und ein Video mit ihrem Smartphone aufzunehmen. Es ist der 16. April 2017. Und es sind nur vier Minuten zwischen 4.06 und 4.10 Uhr. Doch in diesem kurzem Zeitraum spielt sich eine gefährliche Körperverletzung am Marktplatz in Bisingen ab. Die Geschichte ist an Tragik nicht zu überbieten, denn offenkundig wollten die beiden Angreifer nur helfen und dachten, die Frau sei in Not – ein Irrtum.

Der Fall wurde am Donnerstag vor dem Amtsgericht Hechingen verhandelt. Laut der Anklageschrift hörten die zwei Männer von ihrer Bisinger Wohnung aus die vermeintlichen Hilfeschreie einer Frau. Daraufhin eilten sie hinunter auf die Hauptstraße zum Parkplatz am Marktplatz. Dort waren zwei gehörlose junge Menschen gerade auf dem Heimweg von der Kneipe.

Brutale Gewalt auf dem Marktplatz

Dann schlugen die Männer, ebenfalls alkoholisiert, zu und verletzten auch den am Boden liegenden Mann mit Tritten gegen das Gesicht und den Körper. Der anderen Person, einer gehörlosen Frau, wurde der Finger gebrochen, weil diese einem Mann die Kette vom Hals gerissen hatte und nicht wieder hergab. Eine weitere Frau, die Hilfe holen wollte, verletzten die Männer angeblich im Gesicht und am Bauch. Dass dies teilweise so abgelaufen war, räumten die Angeklagten, ein 41-Jähriger sowie dessen 37-jähriger Schwager ein. Jedoch hatten die beiden im Grunde ehrenwerte Motive, als sie an jenem Aprilmorgen auf den Bisinger Marktplatz hinuntereilten.

Akku des Hörgeräts ist fast leer

Der erste Angeklagte, der 41-Jährige betont, die beiden hätten gedacht, dass eine Frau angefasst wird und zwei Mal um Hilfe schreie. Was sie nicht wussten, war, dass die beiden vermeintlichen Streithälse gehörlos waren und deshalb lautstark miteinander redeten: Bei der Frau war der Akku des Hörgeräts fast leer und ihr Bruder hatte sein Hörgerät laut Polizeibericht daheim vergessen. Der erste Angeklagte habe daher den Mann von der anderen Person weggerissen und weggeschleudert.

Alles eskaliert, läuft in die falsche Richtung

Was dann passiert, kann der erste Angeklagte heute nicht mehr genau sagen, nur so viel: „Es ist alles eskaliert“, betont er. Der 41-Jährige bedauert das Eingreifen heute. Er und sein Schwager hätten viel zu spät bemerkt, dass die Situation „in die falsche Richtung“ läuft. „Wir hatten nicht einmal die Möglichkeit, zu flüchten“, sagt er. Immer wieder seien er und sein Schwager durch die Angegriffenen davon abgehalten worden. „Es war wie eine Massenschlägerei“, sagte er. Da seien Fäuste und Tritte geflogen. Schließlich habe es doch geklappt, und so traten die beiden um 4.10 Uhr wieder den Heimweg an. Das belegten auch die Aufnahmen der Videoüberwachung der Volksbank Bisingen.

Ein Opfer selbst, die gehörlose junge Frau, hatte in der Nacht versucht, ein Video zu drehen. Darin ist zu hören: „Die Zeiten sind vorbei, mein Freund.“ Was der erste Angeklagte damit meinte, konnte dieser vor Gericht nicht mehr rekonstruieren. Zunächst wimmerte die Frau und rief einen Namen, dann provozierte sie die weg eilenden Männer, indem sie ihnen Schimpfwörter hinterher brüllte. „Tust du ein bissle Gas weg“, erwiderte einer der Angeklagten. Als sie den Männern folgte und brüllte „Verpiss dich jetzt“, geht einer auf sie zu, und das Video endet abrupt.

Provokation durch die Opfer

Diese Szene spiegelt auch den Eindruck der Verhandlung wieder, den der Richter Desmond Weyl sowie der Staatsanwalt und die beiden Verteidiger hatten. „Es ging um ehrenwerte Ziele“, sagte der Rechtsanwalt des 37-Jährigen. Der Verteidiger des 41-Jährigen bekräftigte, dass die gehörlose Frau in der Videoaufnahme den Eindruck gemacht habe „nichts anbrennen“ zu lassen.

Der Staatsanwalt machte aber auch klar, dass es zu einem Freispruch aufgrund der Verletzungen, die die beiden Opfer hatten, nicht kommen werde, auch wenn ehrenwerte Motive eine Rolle spielten, die beiden Angeklagten seien die Stärkeren gewesen.

Geldstrafen von 1000 Euro und 500 Euro an die Stiftung Lebenshilfe

Und Richter Weyl ergänzte bezüglich der Tritte gegen den am Boden liegenden Gehörlosen: „Das ist nicht nur sich wehren.“ Er tue sich zwar ein bisschen schwer, wenn gefährliche Körperverletzung vorliege, das Verfahren gegen eine Geldbuße einzustellen, aber er glaube, dass die beiden Männer wirklich nur helfen wollten und „eine Provokation durch“ das Opfer vorlag. Letzteres trat im Video offenkundig zutage. Zudem widersprachen sich die Zeugen auch, manche sagten gar nicht erst aus.

Schließlich verurteilte Weyl den 41-Jährigen zu 1000 Euro in acht Raten à 125 Euro  und den 37-Jährigen zu 500 Euro in fünf Raten à 100 Euro, die der Bisinger Stiftung Lebenshilfe Zollernalb gespendet werden.

Das könnte dich auch interessieren:

2


Geldstrafen müssen die Angeklagten jeweils entrichten. 1500 Euro kommen damit der Stiftung Lebenshilfe Zollernalb zugute, die sich um Menschen mit Behinderung kümmert.