Als „durchwachsen“ bezeichnete Staatsanwalt Philipp Wissmann die zweitägige Verhandlung gegen vier Männer aus Rumänien. Ihnen wurde vorgeworfen, im September 2019 einen 50-Jährigen im Hechinger Fürstengarten beraubt zu haben. „Durchwachsen“ war der Prozess am Amtsgericht Hechingen tatsächlich insofern, als er zweifach eine unerwartete Wendung nahm.

Nach dem ersten Verhandlungstag vor zwei Wochen wirkte es so, als sei dem Staatsanwalt die Beweisführung zwischen den Fingern zerkrümelt. Es sah aus, als ob belastende Aussagen nicht verwertet werden können, weil die Polizei bei der Vernehmung eines der vier Angeklagten einen Formfehler begangen hat. Auch stand das Überfallopfer nach einer inquisitorisch anmutenden Befragung durch die Verteidiger der Angeklagten als ein wirrer Geschichtenerzähler da.

Nach 127 Tagen U-Haft auf freiem Fuß

Am Ende und aufgrund weiterer Zweifel setzte Richterin Dr. Karin Laub die Angeklagten nach 127 Tagen Untersuchungshaft damals auf freien Fuß. Was dem Staatsanwalt nicht gefiel.

Am Donnerstag schien sich das Blatt zu drehen. Ein Polizeibeamter, der das Raubopfer im September vernommen hatte, sagte, er halte den 50-Jährigen zwar für exzentrisch, aber seine Geschichte komme ihm glaubhaft vor. Demnach hatte der Mann die vier Angeklagten auf dem Obertorplatz getroffen, hatte mit ihnen Bier getrunken und war einem aus dem Quartett in den Fürstengarten gefolgt. Dort soll sich der Raub, an dem mehrere Personen beteiligt waren, ereignet haben. Das Opfer wurde demnach im Dunkeln niedergeschlagen, dann entriss man ihm seine Gürteltasche mit 50 Euro und Dokumenten darin. Für den 50-Jährigen sonnenklar – der Überfall war zuvor auf dem Obertorplatz vereinbart worden.

Befragung durch Polizei ist doch korrekt verlaufen

Staatswanwalt Wissmann arbeitete im weiteren Verlauf der gestrigen Verhandlung heraus, dass die in Frage stehende Aussage eines der Angeklagten bei der Polizei eben doch korrekt verlaufen war und vor Gericht verwertet werden dürfe. Der Mann hatte darin bestätigt, dass er mit dem Opfer im Fürstengarten war und dann der Überfall durch die drei anderen erfolgte. Er selber habe aber davon im Vorfeld nichts gewusst, eine Absprache habe es nicht gegeben. Die Aussage eines weiteren Zeugen – die, weil er fehlte, nur verlesen werden konnte – besagt, er habe die vier Angeklagten und das Opfer seinerzeit gemeinsam auf dem Obertorplatz gesehen, wo sie gefeiert, gesungen und getrunken hätten.

Staatsanwalt fordert bis zu anderthalb Jahre Haft

So war der Staatsanwalt abschließend zweifelsfrei überzeugt: Der Überfall hat stattgefunden, alle vier Angeklagten waren beteiligt, und sie haben die Tat zuvor vereinbart. An der Geschichte des Opfers hegte er keinen Zweifel, auch wenn der Mann in seinem Verhalten „sonderbar“ und „schwierig“ sei. Warum, fragte sich der Staatsanwalt weiter, sollten die drei anderen auch dem 50-Jährigen und ihrem Kumpel in den Fürstengarten gefolgt sein, wenn es nicht vorab ausgemacht worden wäre? Als weiteres Indiz der gemeinsamen Täterschaft wertete Wissmann die Tatsache, dass die vier nach der Tat von der Polizei zusammen in einer Hechinger Wirtschaft angetroffen wurden.

Abschließend forderte der Anklagevertreter, die Tat hart zu ahnden: mit Freiheitsstrafen bis zu anderthalb Jahren – jeweils ohne Bewährung.

Richterin sieht zu viele Ungereimtheiten

Prozessbeobachter hörten an der Stelle bereits erneut die Gefängnistore hinter den Angeklagten zuschlagen. Es kam anders: Richterin Dr. Laub folgte weitgehend der Argumentation der Verteidiger, die geltend machten, die Beweislage reiche nicht aus. Auch die Vorsitzende war überzeugt, dass der Raub sich an dem Abend ereignet hatte. Ebenso stellte sie die Anwesenheit der vier Rumänen im Fürstengarten nicht in Frage. Ungeklärt sei jedoch, wer welchen „Tatbeitrag“ leistete und wer vorab eingeweiht war.

Zeugen gab es nicht, die Angeklagten selbst hatten während des Prozesses eisern geschwiegen. Mangels der Unsicherheit, wie sich die Tat letztlich zugetragen hat, komme eine Verurteilung nicht in Frage. Vielmehr seien die Angeklagten freizusprechen.

So kam es. Die Prozesskosten übernimmt der Staat. Außerdem werden die Freigesprochenen für die Zeit, die sie in Untersuchungshaft verbrachten, entschädigt. Staatsanwalt Wissmann überlegt, ob er binnen einer Wochen gegen das Urteil vorgeht. Dazu könnte er Berufung oder Revision ein­legen.

Was bisher geschah:

Prozess um mutmaßliche Räuber in Hechingen Unter Vorbehalt in die Freiheit

Hechingen

Ab zwei Jahren geht’s auf jeden Fall ins Gefängnis


Gefängnis Verurteilungen in Höhe bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe kann (!) das Gericht zur Bewährung aussetzen. Höhere Haftstrafen müssen die Verurteilten auf jeden Fall antreten.