Wenn du ihm nicht hilfst, wirst du sterben.“ Ein junger Mann soll eine Rettungsassistentin bei einem Einsatz in Bisingen bedroht haben. Der Angeklagte, der deutschen Sprache nicht allzu mächtig, bestreitet dies. Doch die zuständige Richterin Irene Schilling glaubt ihm nicht, dafür den Zeugen. Und verurteilt den jungen Mann.

Zumindest über den ungefähren Hergang des Einsatzes, der zu der Verhandlung vor dem Amtsgericht Hechingen führte, waren sich Angeklagter und fünf Zeugen einig: Der ältere Bruder des Angeklagten hatte sich eine tiefe Schnittwunde am Handgelenk eingehandelt, die Familie wollte ihn so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen. Auf der Fahrt dorthin aber machte der Verletzte schlapp. Er könne nichts mehr sehen, klagte er.

Alles nur ein sprachliches Missverständnis?

Die Familie hielt an, bat einen Passanten, den Notruf zu tätigen. Noch bevor der Rettungswagen eintraf, war ein Ersthelfer vor Ort, verband die stark blutende Wunde. Nur wenig später war auch der Rettungswagen da. Von hier nun gehen die Schilderungen des Angeklagten und seiner Familie auf der einen Seite, der Zeugen auf der anderen weit auseinander.

Die Rettungssanitäterin stieg aus, sie war die erfahrenere Einsatzkraft, wie ihr Kollege vor Gericht schilderte. Sie wollte den Verletzten untersuchen, dann eskalierte wohl die Situation. „Als wir kamen, war die Stimmung schon sehr aufgebracht“, sagte die Frau im Zeugenstand aus. „Ich wollte mich um den Patienten kümmern, und wurde angeschrien.“

Der Angeklagte und sein Bruder, der Verletzte, fühlten sich, wie sie sagten, bei der Frau nicht gut aufgehoben. „Sie hat meinen Bruder grob am Arm gepackt, ihm dabei Schmerzen zugefügt.“

Der Angeklagte gab zu, laut geworden zu sein. Die Rettungssanitäterin sah sich nicht in der Lage, sich, so wie sie es für richtig hielt, um den Patienten zu kümmern. „So kann ich nicht helfen“, habe sie gesagt. Das ließ den Angeklagten wohl ausrasten: „Mach jetzt endlich, wenn nicht, wirst du sehen, was du davon hast, du wirst sterben.“ Dieser Satz soll laut Sanitäterin, und darauf stützte sich auch die Anklage, gefallen sein. Die Frau fühlte sich bedroht, „mir war sehr mulmig“. Der Ersthelfer hatten den Eindruck: „Sie ist regelrecht in sich zusammengefallen.“ Die Rettungssanitäterin rief die Polizei.

Verletzter Bruder sieht sich als eigentliches Opfer

„Die Frau lügt“, sagte der Angeklagte. Die Rettungssanitäterin habe von vornherein etwas gegen seinen Bruder und ihn gehabt. Der junge Mann versicherte: Er habe nicht gesagt „du wirst sterben“, sondern „der wird sterben“, und damit seinen Bruder gemeint. Sein Bruder bestätigte das – und sah sich selbst als Opfer des ganzen Vorfalls, schließlich sei er es doch gewesen, der geblutet habe.

War also alles nur ein sprachliches Missverständnis?

Nein, sagten der Kollege der Rettungssanitäterin und der Ersthelfer aus. Die Frau sei bedroht worden.

Nur eine Version kann stimmen

Der Staatsanwalt sah den Tatbestand der Bedrohung bestätigt. Er forderte für den jungen Mann, der bis dahin strafrechtlich nicht aufgefallen war, dem es aber auch, wie es die Jugendhilfe festhielt, schwer falle, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, 20 Arbeitsstunden in einer gemeinnützigen Einrichtung. Die Kosten des Verfahrens müsse er nicht tragen.

Die Richterin schloss sich an. Sie zeigte sich bei der Urteilsbegründung überzeugt, dass der Angeklagte die Rettungssanitäterin mit dem Tod bedroht habe. Es könne nur eine Version des Vorfalls richtig sein. Angeklagter: Warum sollte ich lügen?“ Richterin: „Warum sollten der Ersthelfer und der Rettungskollege das tun?“ Zugute hielt die Richterin dem Angeklagten, dass er in Sorge um seinen Bruder gewesen sei, Angst gehabt habe, „sonst wäre die Strafe noch viel höher ausgefallen“. Denn: „Rettungsleute zu bedrohen ist untragbar, nicht tolerabel.“

Falschaussage? Jetzt ist der Bruder dran

Und sie schob nach: „Sie haben den Rettungsdienst gerufen. Diese Leute wissen, was zu tun ist.“ Es sei Sache des Angeklagten – und seines verletzten Bruders – gewesen, diese Anweisungen zu befolgen. „Sie tun der Rettungssanitäterin großes Unrecht.“ Diese habe helfen wollen.

Für den jungen Mann gab es neben den 20 Arbeitsstunden noch eine deutliche Warnung mit auf den Weg: Leistet er diese nicht ab, wird er eingesperrt.

Ein Nachspiel hat die Verhandlung übrigens noch für den Bruder des Angeklagten. Der Staatsanwalt will diesen jetzt wegen Falschaussage vor Gericht bringen.

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