Hechingen Alles im Griff?

Homo Faber mit der jungen Sabeth, die ihn an seine Jugendliebe Hanna erinnert. Foto: Antonia Lezerkoss
Homo Faber mit der jungen Sabeth, die ihn an seine Jugendliebe Hanna erinnert. Foto: Antonia Lezerkoss
ANTONIA LEZERKOSS 20.03.2014
Die Bühnenfassung von Max Frischs Roman "Homo Faber", in Szene gesetzt von Carsten Ramm und aufgeführt vom Ensemble der Badischen Landesbühne, lockte zahlreiche Zuschauer in die Stadthalle.

Das Leben, die Zukunft, die Welt - Walter Faber hat alles im Griff. Unzählige Gymnasiasten mussten sich mit dem Dilemma des technikgläubigen Schaffers ("Homo Faber"), der mit dem kreativ-gefühligen "Homo Ludens" konfrontiert wird, auseinandersetzen. Die Ich-Erzählung des Schweizer Autors Max Frisch aus dem Jahre 1957 enthält viel Autobiografisches und beschäftigt sich mit der Frage nach der eigenen Identität, mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern und mit dem Wechselspiel zwischen gelebtem Leben und Fiktion.

"Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt, mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen" - so beschreibt Walter Faber (René Laier) in einem klaren Satz sich und seine Welt. Dieser Faber, den Max Frisch in seinem berühmten Roman erschaffen hat, ist ein großer Ingenieur. Er konstruiert Maschinen, er konstruiert Pläne; dauernd auf Achse, mit Flugzeug, Auto oder Schiff, in den USA, in Mexiko, Guatemala, Frankreich, Italien, Griechenland und Kuba konstruiert er sich und sein Leben - und seinen Blick darauf.

Er belächelt Menschen, die sich von Naturphänomenen aus der Ruhe bringen lassen und kann nicht verstehen, was andere am Schicksal finden. Selbst den Tod seines einstigen Freundes Joachim quittiert "Homo Faber" mit einem nüchternen Achselzucken und trennt sich genauso emotionslos von seiner Geliebten Ivy - von Evelyn Nagel herrlich kapriziös und exaltiert dagestellt. Und dann, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, begegnet er dem Unvorhersehbaren, das seine Welt, seine Gefühle und seinen Verstand verwirrt - ausgerechnet er gerät außer Tritt.

Zufälle bringen seine Ordnung durcheinander. Er schlägt ungewohnte, nicht planbare Wege ein, lässt sich treiben, begegnet bei einer Schiffsreise der jungen, quirligen Sabeth (Juliane Schabe), die ihn an seine Jugendliebe Hanna erinnert. Mit Verve quecksilbert die junge Frau durch das wohlgeordnete Leben des Technokraten und wirbelt es gründlich durcheinander.

Von der sprudelnden Lebenswut des Mädchens fasziniert und zugleich überfordert, begleitet er sie auf eine Reise durch Europa, verliebt sich in sie und findet sich selbst auf einer Reise in die Vergangenheit wieder: Sabeth ist seine Tochter. Faber verdrängt diese Wahrheit. Doch dann geschieht ein tragischer Unfall und Walter und seine ehemalige Geliebte Hanna (Evelyn Nagel) treffen sich am Sterbebett ihrer gemeinsamen Tochter wieder. Es sind Gefühle, die Faber dazu bringen, sein Leben fortan mit Hanna teilen zu wollen, doch sie lehnt ab. Eine OP steht Faber bevor, Hanna liest die letzten Kapitel aus seinem Leben.

Die ansprechende Inszenierung mit bildhaften und klar strukturiert gezeichneten Szenen gefiel mit vielen, den Ablauf auflockernden Regieeinfällen. Das Geschehen wurde auf zwei Ebenen dargestellt, wobei die Tiefe des Bühnennenraumes der Visualisierung gegenwärtiger (Ping-Pong mit Spielgeräuschen bei unsichtbarem Ball) und vergangener Ereignisse (Dialoge von 1937) diente und geschickt mit dem Geschehen im Vordergrund verknüpft wurde. Reflektierende Passagen spricht Faber zum Publikum. Farbe und Würze erhielt die Vorstellung auch durch lebhaft geführte, spritzige, komprimierte Dialoge, beredte Mimik und ausdrucksvolle Gestik der fünf ausgezeichneten Schauspieler (René Laier, Evelyn Nagel, Juliane Schwabe, Philip Bladi Blom), die im Laufe des Abends scheinbar mühelos in die unterschiedlichsten Rollen schlüpften.

Beleuchtung, Requisite und Lieder aus den 50er-Jahren von stimmungsvoller Gitarrenmusik (Hennes Holz) begleitet, waren effektvoll und geschickt eingesetzt. Mithin erlebten die Zuschauer eine schwungvolle, sehr gut gemachte Bühnenversion des Romans von Max Max Frisch, ein dramatisch dichter, in sich geschlossener Abend.