Hechingen Albkamele stehen bald auf der Straße

Rolf Müller, Betreiber des Tiererlebnishofes „Albkamele“ zwischen Hechingen und Bodelshausen, ist dabei, die Waffen zu strecken. Ihm wurde der Pachtvertrag gekündigt. Wenn die Suche nach einem neuen Hof keine Früchte trägt, wird nächsten Sommer Schluss sein.
Rolf Müller, Betreiber des Tiererlebnishofes „Albkamele“ zwischen Hechingen und Bodelshausen, ist dabei, die Waffen zu strecken. Ihm wurde der Pachtvertrag gekündigt. Wenn die Suche nach einem neuen Hof keine Früchte trägt, wird nächsten Sommer Schluss sein. © Foto: Andrea Spatzal
Hechingen / Andrea Spatzal 12.09.2018
Wer die Hechinger „Albkamele“ hautnah erleben will, sollte sich beeilen. Denn die Tage des Tiererlebnishofes sind offenbar gezählt.

Elvis blinzelt in die Spätsommersonne. Er rührt sich nicht vom Fleck, obwohl Rolf Müller die Ich-bin-der-Chef-Stimme ausgepackt und den riesigen Wallach mehrmals zu sich zitiert hat. Das weiße Kamel steht wie angewurzelt auf der Wiese. Ein befremdlicher Anblick so mitten auf der schwäbischen Alb. Exoten waren die „Albkamele“ schon immer. Aber sie waren willkommen, werden bewundert, gestreichelt und sie sind bis heute die Attraktion des Tiererlebnishofes, den der gelernte Tierpfleger Rolf Müller vor fünf Jahren, damals noch in  Höfendorf, gegründet hat.

Nun sieht es leider so aus, dass die Tage der Albkamele gezählt sind. Wie Rolf Müller mittelt, wird der Pachtvertrag für den ehemaligen Staffahof zwischen Hechingen und Bodelshausen nicht verlängert. Als Grund hätten die Eigentümer Eigennutzung angegeben. Seit August 2016 waren die Albkamele und zahlreiche andere Tiere dort gut untergebracht.

Müller und seine Mitstreiter haben zwar sofort mit der Quartiersuche begonnen, bisher aber ohne Erfolg. Inzwischen bezweifelt der 40-Jährige, dass sich noch ein Weg auftut, seine Tiere anderswo in der Region angemessen unterzubringen. Das Herzens­projekt, für das Rolf Müller fünf Jahre hart gekämpft hat, droht zu scheitern.

Tiere werden verkauft oder geschlachtet

Wenn es zum Äußersten kommt, wird dem 40-Jährigen keine andere Wahl bleiben, als in seinen Beruf als Tierpfleger zurückzukehren, den er übrigens parallel zu den Albkamelen durchgängig ausgeübt hat. Seinen vier Altweltkamelen Elvis, Humphrey, Marisol und Shanaja wird er in Privathaltung das Gnadenbrot geben. Die anderen Tiere – Ziegen, Hühner, Schweine, Hasen – werden verkauft, die Strauße vermutlich geschlachtet.

Aber auch einen Neuanfang schließt Müller nicht aus. „Dann muss allerdings von vorn herein alles passen, denn nochmal tausend schlaflose Nächte schaffe ich nicht.“ Perfekt passen würde ein größeres landwirtschaftliches Anwesen in Alleinlage, das aber dennoch für Besucher gut erreichbar ist. Der Hof sollte langfristig zu pachten und die Pacht  bezahlbar sein.

Die Hiobsbotschaft, dass er den Hof nächsten Sommer verlassen muss, traf Rolf Müller und sein Team mitten in der Hochsaison, die dieses Jahr „super gelaufen“ sei. „Wir hatten an manchen Tagen 50 bis 100 Besucher“, sagt der Hofbetreiber. Zwölf kulturelle Veranstaltungen für Kinder und die ganze Familie hat es seit dem Frühjahr bei den Albkamelen gegeben. Zauberer und Hundezauberer traten auf, sogar ein Blindenhund war in Aktion zu erleben.

Kamelfest steht an

Auch zu Ostern, zum Maifeiertag, zum Muttertag und zum Vatertag wurde den Besuchern auf dem idyllisch gelegenen Bauernhof ein buntes Mitmachprogramm geboten. „Alle unsere Veranstaltungen waren gut besucht, manche sogar ausverkauft.“ Sechs weitere Veranstaltungen, vor allem für Kinder, stehen für dieses Jahr noch im Terminkalender (siehe www.albkamele.de).

Bereits am nächsten Wochenende, 15. und 16. September,  steht das Kamelfest an. Eigentlich hätte es ein rauschendes Fest zum fünfjährigen Geburtstag werden sollen. „Aber angesichts der Ereignisse feiern wir jetzt nur in kleinem Rahmen“, so Müller. Nichtsdestotrotz wird es viele Highlights für Jung und Alt geben: ein Hüpfburg, Bogenschießen und Kinderschminken und ein Kinderzauberer, der an beiden Tagen um 14 Uhr auftritt.

Außerdem steht Live-Musik auf dem Programm. Am Samstagabend gibt die Band „Free Generation“ ein Benefizkonzert für  Familie Braun aus Rottenburg. Die 37-jährige Mutter hat eine Hirnblutung erlitten und liegt seitdem im Wachkoma. Seitdem muss der Vater allein für das Wohlergehen der fünfköpfigen Familie kämpfen, reibt sich auf zwischen Kindererziehung,  Krankenpflege und Beruf. Am Sonntag gibt es bereits ab 13 Uhr handgemachte Musik, diesmal von der Band „Magic Spell“.

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Mit Breitling hat alles begonnen

Das Kamel wurde benannt nach Wilhelm Breitling, dem Inhaber des bekannten Kamelhofs Rotfelden im Schwarzwald, der am 31. Januar 2013 durch einen Großbrand ausgelöscht wurde. 86 Tiere sind damals in den Flammen umgekommen, nur fünf überlebten. Der 74-jährige Landwirt hat seine Träume verloren. Er hat sich entschieden, den Hof, sein Lebenswerk, nicht wieder aufzubauen. Anders entschied sich der damals 35-jährige Tierpfleger Rolf Müller. Er hatte schon als Kind viel Zeit auf Breitlings Kamelfarm verbracht, hatte später auch mit Wilhelm Breitling zusammengearbeitet. Nach der Zerstörung der Kamelfarm übernahm Müller den Wallach „Breitling“ und beschloss, selbst eine Kamelfarm zu gründen.

5 Jahre sind die Albkamele im Zollern­albkreis zuhause. Seitdem mussten die Tiere zwei Mal umziehen, zuerst einmal innerhalb Höfendorfs sowie 2016 dann nach Hechingen.

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