Archäologie Ältester Skelettfund der Region: ein Junge aus der Steinzeit

Grabungstechniker Klaus Dollhopf (l.) bei der Freilegung eines alamannischen Pferdegrabes in der Mössinger Zollernstraße.
Grabungstechniker Klaus Dollhopf (l.) bei der Freilegung eines alamannischen Pferdegrabes in der Mössinger Zollernstraße. © Foto: Jürgen Meyer
Mössingen/Hechingen / Jürgen Meyer 03.05.2017

Sensationsfund anderthalb Meter unter einer Wiesenfläche östlich des Mössinger Schulzentrums: In der Zollernstraße, wo in den nächsten Monaten zwei Mehrfamilienhäuser die letzte Baulücke unweit des innerstädtischen Merz-Geländes schließen sollen, stießen Archäologen auf ein 4500 Jahre altes Grab. Es enthielt das bisher älteste geborgene komplette Menschenskelett der Region und lag am Rande eines frühalamannischen Friedhofes. Der datiert in das 6./7. Jahrhundert und umfasst vermutlich rund 50 Gräber.

Die im Hechinger Nasswasen ansässige EJL Wohnbau GmbH (bekannt als Bauherrin des Fürstin-Eugenie-Domizils in der Gammertinger Straße) plant in Zusammenarbeit mit der Volksbank Hohenzollern-Balingen eG, in Mössingen zwei Mehrfamilienhäuser mit 18 Wohneinheiten auf rund 1550 Quadratmeter Wohnfläche zu errichten. Nach der Entdeckung der Grabstätten wird sich der Baubeginn wohl auf den Frühsommer verschieben, da die Archäologische Denkmalpflege zunächst die Gräber bergen wird.

Das in einer gehockten Position vorgefundene Menschenskelett ist typisch für Bestattungsformen, die die Menschen am Ende der Jungsteinzeit praktizierten. Obwohl eine genaue Datierung noch nicht möglich war, geht Grabungsleiter Dr. Frieder Klein davon aus, „hier die bisher älteste menschliche Bestattung in der Region entdeckt“ zu haben. „Dem Augenschein nach handelt es sich um einen Jungen im Alter von etwa zehn Jahren“, so der Referatsleiter für Vor- und Frühgeschichte in der Archäologischen Denkmalpflege.

Ritt ins Jenseits

Die Baustelle stand unter Beobachtung der Denkmalschützer, weil sie in einem seit 100 Jahren bekannten Gräberfeld aus der Merowingerzeit liegt. „Es war klar, dass sich auch im noch unbebauten Mittelstück des etwa 210 mal 110 Meter großen Friedhofsareals weitere Bestattungen befinden würden“, so Klein. Dieser vermutlich über 500 Gräber zählende Reihenfriedhof ist den Gründern der Siedlung Mössingen zuzuordnen. Bislang waren die Wissenschaftler in den 17 geöffneten Gruben nur auf wild durcheinander liegende Knochen gestoßen. Grabräuber hatten vor 1400 Jahren bei ihrer erfolgreichen Suche nach wertvollen Beigaben die Skelette hastig und meist gründlich durchwühlt. Lediglich in einem Grab hatten sie die eiserne Spitze einer vormaligen hölzernen Lanze eines Kriegers und sein Schild übersehen – von dem sich aber auch nur noch der eiserne Schildbuckel samt Griff erhalten hat.

Ausgräber Klaus Dollhopf fand ein ohne Kopf bestattetes Pferd. Der dazugehörige Reiter ist noch nicht gefunden worden. Beigaben in Form von Trense, Zügel oder Beschlägen lagen dem Pferdegrab nicht bei. Organisches Material hätte sich nach 1400 Jahren im Boden aufgelöst. Möglicherweise ist das Zaumzeug dem Besitzer mit ins Grab gegeben worden – eine aus dem mittleren Donauraum stammende Sitte, die ab dem Jahr 600 in Süddeutschland anzutreffen ist. Die Wissenschaftler vermuten, dass die beigesetzten Pferde ihrem Herren – ganz offensichtlich hochstehende Krieger – für den Ritt ins Jenseits dienen sollten.

Die Grube ist nicht größer als die der menschlichen Beisetzungen. Pferde der damaligen Zeit erreichten Widerristhöhen zwischen 130 und 145 Zentimetern, sind also vergleichbar mit heutigen Kleinpferden wie etwa
Haflingern.

Vermutlich wurde das Pferd während einer Begräbniszeremonie auf dem Friedhof getötet und mit einem Schwerthieb am ersten Halswirbel enthauptet, um dem schlaffen Körper mit angewinkelten Beinen in die enge Grube zwängen zu können.

Epochenwandel zur „Schnurkeramikzeit“

Die außergewöhnliche Mössinger Steinzeitbestattung fällt in die Zeit eines grundlegenden Kulturwandels. Vor 4800 Jahren breitete sich über weite Teile Mitteleuropas für rund 500 Jahre eine neue Kultur aus. Das geometrische Eindrücken von Schnüren in die halbgehärteten Tongefäße wird zum Erkennungsmerkmal dieser als „Schnurkeramikzeit“ benannten neuen Epoche.

Die Bestattungsformen ändern sich in jener Zeit ebenfalls radikal: Erstmals werden Tote nicht nur unter aufgeschütteten Hügeln begraben, sondern auch in eigentümlicher Lage bestattet. Wie jetzt in Mössingen entdeckt, legt man männliche Individuen in West-Ost-Richtung auf die rechte Seite, Frauen hingegen Ost-West-orientiert in das Grab. Beide Geschlechter blicken also nach Süden.

Die Schnurkeramiker waren Immigranten. Sie wanderten aus den
südrussischen Steppen ein. Die alteingesessene Bevölkerung wurde nicht völlig verdrängt, wohl aber ihre Traditionen. Die Umwälzungen durch die Schnurkeramiker sind folgenschwer. Die als Nomaden gekommenen Migranten behaupten sich als Vieh- und Ackerbauern und bilden Generationen später die gemeinsamen Vorfahren der Germanen und Kelten.

Der Herdentierhaltung messen die Schnurkeramiker große Bedeutung bei; für Rinder und die ersten Wollschafe werden große Weidenflächen benötigt. Deshalb werden nun auch hochgelegene Plateaus wie der Farrenberg aufgesucht. Der Fund eines Steinbeils aus geschliffener Jade (Nephrit) weist in diese Zeit – damals ein Luxusobjekt, das aus den Alpen importiert werden musste.

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