Rangendingen "Wir kämpfen weiter"

Rangendingen / ANDREA SPATZAL 12.06.2013
Es war wie ein Alptraum, den Wasserpegel der Starzel immer höher steigen zu sehen. Johann und Lydia Sell erinnern sich mit Grausen an den 1. Juni. Das Hochwasser hat sie und ihre beiden Kinder obdachlos gemacht.

"Wir werden weiter kämpfen und wieder renovieren", sagt Lydia Sell. Die junge Mutter beißt die Zähne zusammen, ist aber den Tränen nahe. Oft hat sie geweint, seit ihr klar geworden ist, dass sie schon wieder ihr Zuhause verloren hat. "Es ist furchtbar."

Der Schreck der Hochwasserkatastrophe am 2. Juni 2008 sitzt der jungen Familie noch in allen Knochen. 1,20 Meter hoch stand das Wasser damals in der Fünf-Zimmer-Eigentumswohnung in der Rangendinger Weidenstraße. Die Flut kam damals plötzlich und unerwartet.

Diesmal war alles anders. Lydia Sell war schon am Freitag in höchster Alarmbereitschaft, hat immer wieder den Pegelstand der Starzel kontrolliert - und irgendwann die Wassermassen als bedrohlich empfunden. Ihr Ehemann war an jenem Freitag auf einem Angelausflug. Sie klingelte ihn an. "Unser Bach läuft wieder voll", rief sie ins Telefon. Johann Sell versuchte noch, seine Frau zu beruhigen, machte sich nach dem Anruf aber doch sofort auf den Heimweg.

In der Zwischenzeit hatte bereits der Nachbar Alarm geschlagen. "Jetzt kommt was", habe er gerufen. Lydia Sell schnappte ihre beiden Kinder Nicole (7) und David (6), packte das Nötigste ein und machte sich auf den Weg nach Ofterdingen ins Haus der Schwiegereltern. Fast schon Routine war es für sie, sicherheitshalber auch gleich alle wichtigen Dokumente an sich zu nehmen. Zusammen mit dem Schwiegervater sei sie später nochmal zurück zur Wohnung, um alle Schotten dicht zu machen.

Am nächsten Morgen sah die Welt aber schon wieder viel freundlicher aus. "Der Wasserpegel war gesunken", erinnern sich Johann und Lydia Sell an die Rückkehr nach Rangendingen, an die große Erleichterung. Aber es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Im Laufe des Samstags schwoll die Starzel immer bedrohlicher an, trat über die Ufer. Als der Pegel um 19.45 Uhr den Höchststand von 2,23 Metern erreicht hat, stand das Zuhause der Familie Sell komplett unter Wasser. Johann Sell konnte mit Hilfe seines Vaters, Bruders und Schwagers nur noch ein paar Säcke mit Kleidern füllen. Alles andere ist untergegangen.

Das Ausmaß der Schäden wagt sich die Familie noch gar nicht auszumalen. Lydia Sell hat ihr Zuhause seit dem 1. Juni noch nicht betreten. "Es ist ein Totalschaden", blickt Johann Sell der Realität ins Auge. Von den Fußböden bis zu den Heizungsrohren wird der Renovierungsaufwand enorm sein.

Die Sells wollen es packen, auch wenn noch nicht einmal der Kredit, den sie nach dem Hochwasser 2008 für die Renovierung aufnehmen mussten, getilgt ist. Finanzielle Sorgen drücken die junge Familie. Im ersten Schock hat Johann Sell sogar daran gedacht, Privatinsolvenz anzumelden. Im ersten Moment hielt das Ehepaar es auch nicht für ausgeschlossen, die Wohnung in Rangendingen aufzugeben. "Wir hatten so viel Pech." Aber die Sells haben sich anders entschieden. "Wir sind in Rangendingen daheim", sagen sie. Die Kinder lieben ihr Zuhause, den schönen Garten und - ja - auch die Starzel vor der Tür. Die siebenjährige Nicole geht gern in die Schule, ihr sechsjähriger Bruder David will ihr im Herbst nachfolgen. Vor allem David habe bitterlich geweint, als es hieß, die Familie werde von Rangendingen wegziehen. Er kam einen Tag nach der Unterzeichnung des Kaufvertrags im März 2007 auf die Welt. Die Eltern bringen es nicht übers Herz. "Wir kämpfen weiter und renovieren wieder", sagen sie. Johann Sell, Mitarbeiter der Tübinger Firma Rösch, hat sich nächste Woche Urlaub genommen.

Gemeinde Rangendingen sammelt Spenden