Hechingen / Ernst Klett  Uhr
Es soll keine Eintagsfliege gewesen sein, sagen die katholischen Frauen, die in Hechingen eine Woche im Ausstand waren.

Bundesweit haben Katholikinnen unter der Überschrift „Maria 2.0“ durch den ersten Kirchenstreik Schlagzeilen gemacht. Ihre Forderungen: Missbrauchsfälle konsequent ahnden, Frauen an die Kirchenmacht, weg mit dem Zölibat. In Hechingen hat die örtliche Gruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (Kfd) den Ausstand geprobt. Und das durchaus mit etlichen Reaktionen direkt vor Ort und aus dem Umland. Die HZ hat einige der beteiligten Frauen zu ihrer persönlichen Bilanz der Aktion befragt.

Wie schätzen Sie die Resonanz auf den Kirchenstreik ein? Hätten Sie mit mehr oder mit weniger Solidarität gerechnet?

Jutta Lieb-Weith: Für mich war die Resonanz erstaunlich positiv, bis auf ganz wenige Ausnahmen gab es nur Zustimmung. Erstaunlich auch von ganz unerwarteten Seiten. Schade fand ich, dass sich kaum Jugendliche beteiligt haben. das Gefühl, dass viele für die Kirche schon „ganz verloren“ sind, ist da, und das ist nicht positiv. Insgesamt hätte ich mit etwas mehr Zulauf am Sonntag gerechnet.

Helene Zimmermann: Mich hat’s gefreut, dass auch die Generation vor uns, die auch schon immer aktiv war, uns so zugesprochen hat. Sogar Frauen, die aus der Kirche ausgetreten sind, waren da. Über Hechingen hinaus waren Frauen da.

Sabine Gerresheim-Schütt: Ich finde es wichtig, dass die Leute sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, egal, auf welcher Seite man steht. Vielleicht bewirkt es, dass sich wieder mehr mit Kirche beschäftigen. Ich hätte nicht mit diesem großen Zuspruch gerechnet.

Ulrike Stoll-Dyma: Was mich persönlich beschäftigt, ist, dass wir Frauen und Männer im mittleren Alter und älter ganz stark dabei hatten. Die Jungen interessiert das Thema schon gar nicht mehr, so dass so ein Aufstand oder Streik für sie irrelevant ist. Das heißt, bei der jungen Generation sind wir als Kirche schon lange in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Das gibt mir zu denken. Aber wir haben in und um Hechingen zirka 200 Unterschriften gesammelt, und das finde ich beachtlich. Auch bei unseren besonderen Aktionen waren immer um die 30 Frauen da, und manchmal auch Männer. Eine Dame hat mir gesagt, das war für sie ein Grund nicht auszutreten, weil sie das Gefühl hat, dass „Maria 2.0“ genau die Dinge anspricht, die dringend aufgearbeitet werden müssen. Wir haben viel Zustimmung erfahren, dass diese vier Punkte bei den Bischöfen auf die Tagesordnung müssen und darüber ehrlich und offen gesprochen werden mus.

Was hat die Aktion gebracht? Hat sie überhaupt was gebracht?

Jutta Lieb-Weith: Ja auf jeden Fall. Sie hat die Kirche und Glaubensfragen wieder zu einem Gesellschaftsthema gemacht.Sie hat Personen aus verschiedenen Ecken der Gesellschaft zu Gesprächen zusammen gebracht. Für mich hat die bundesweite Aktion auch gezeigt, dass es selbst in Deutschland Solidarität und unorganisierte Verbundenheit gibt. Und diese Verbundenheit unter Gläubigen kann auch in der Institution Kirche etwas bewegen, wenn sie weiter demonstriert wird. Die gestellten Forderungen sind für mich vor allem eine Richtungsweisung, wohin sich der behäbige Dampfer katholische Kirche bewegen soll.

Ulrike Stoll-Dyma: Ich finde sie hat etwas gebracht, weil Kirche wenigstens mal wieder Stadtgespräch war und wir Kfd-Frauen praktisch überall darauf angesprochen wurden. Außerdem hat es zu einer unwahrscheinlichen Frauensolidarität geführt, sowohl hier bei uns als auch bundesweit. Und ich denke, dass wir durch unsere Beharrlichkeit auch deutlich machen und gemacht haben, dass wir es nicht bei diesem Strohfeuer belassen werden. Auch die Frauenverbände und führende Theologinnen haben es sich auf die Fahnen geschrieben und bleiben weiter dran. Es ist eigentlich schon fünf nach zwölf in unserer Kirche. Aber wenn sich jetzt nichts bewegt, dann werden wir sicherlich viele weitere Austritte haben.

Wird es eine Wiederholung des Kirchenstreiks geben?

Ingrid Reis: Die Aktion ist ein Anfang, ein wichtiger Impuls, der dazu führen muss, dass sowohl innerhalb der Gemeinden über unsere Forderungen gesprochen wird als auch der Austausch überregional mit anderen Mitstreiterinnen gesucht wird. Außerdem ist es wichtig, dass wir uns untereinander weiter intensiv darüber austauschen.

Jutta Lieb-Weith: Keine Wiederholung. Es war der Startschuss für eine Bewegung, zumindest ist das meine Hoffnung.

Ulrike Stoll-Dyma: Wir bleiben auf jeden Fall am Thema dran. Wir verschicken diese Woche den Brief und die Unterschriftenlisten an Bischof Stephan Burger und an Dekan Alexander Halter. Auf die Reaktionen sind wir gespannt. Außerdem möchten wir gerne das Donnerstagsgebet aus dem Kloster Fahr in der Schweiz übernehmen. Dort wird für alle diese Anliegen gebetet. Darüber hinaus werden wir eine Postkartenaktion starten, auf denen unsere Forderungen stehen, und die schicken wir alle nach Freiburg. Wir sind alle gut im Internet vernetzt und werden sehen, ob es weitere größere Aktionen geben wird – zunächst wären meiner Meinung nach jetzt erst einmal Gespräche zu führen.