Landgericht Messerattacke wird weiter verhandelt

Zu viel Bier, andere Alkoholika und Drogen: 2,6 Promille hatte der Angeklagte zum Tatzeitpunkt im Blut. Das führte laut Gutachter zu einer toxischen Veränderung im zentralen Nervensystem.Vor diesem Hintergrund nannte ihn der Facharzt für Psychiatrie erheblich vermindert steuerungsfähig.
Zu viel Bier, andere Alkoholika und Drogen: 2,6 Promille hatte der Angeklagte zum Tatzeitpunkt im Blut. Das führte laut Gutachter zu einer toxischen Veränderung im zentralen Nervensystem.Vor diesem Hintergrund nannte ihn der Facharzt für Psychiatrie erheblich vermindert steuerungsfähig. © Foto: Archiv
Sabine Hegele 11.11.2016

Überraschend unauffällig nannte ihn der psychiatrische Gutachter. Anzeichen einer psychiotischen Beeinträchtigung habe er beim Angeklagten ebenso wenig feststellen können wie eine geistige Verwirrung oder eine emotionale Instabilität. Auffällig sei einzig, wie der 29-Jährige mit sich selbst umgehe: er beschäftige sich wenig mit sich selbst; pflege einen oberflächlichen, passiven und fatalistischen Lebensstil; sei arm an sozialen Kontakten, der Typ Einzelgänger. Vor allem aber sei er auf dem besten Weg in eine manifestierte Alkoholabhängigkeit gewesen. Vor diesem Hintergrund empfahl der Gutachter dem Angeklagten eine ambulante Suchttherapie.

Zumal bei dem Angeklagten zu dem Zeitpunkt, da er zunächst die Gäste einer Kneipe in Rangendingen mit einem Survivalmesser bedroht und kurz darauf einen Autofahrer mit dem gezückten Messer zum Anhalten gezwungen hatte, 2,6 Promille Alkohol im Blut (und zusätzlich Spuren von Cannabis) nachgewiesen wurden.

Dass der 29-Jährige in der Nacht des 1. Augusts des vergangenen Jahres betrunken war, als er die Kneipenbesucher mit einem Messer bedrohte, Teile des Mobiliars beschädigte und die Frontscheibe der Gaststätte zerschlug, hatten am ersten Verhandlungstag vor einer Woche sämtliche Zeugen bestätigt.  „Komplett außer Kontrolle“ geraten nannten sie sein Verhalten, für dessen Auslöser sie keine Erklärung hatten. Der Angeklagte selbst räumte die Tat ein, ohne sich noch detailliert an sie zu erinnern.

Kaum mehr eine Erinnerung hat er nach eigener Aussage  auch an die Messerattacke gegen den jungen Autofahrer, den er auf seiner Flucht aus dem Lokal mit dem vorgehaltenen Messer zum Anhalten gezwungen hatte. Der 22-Jährige wurde gestern, am zweiten Verhandlungstag vor der 1. Großen Strafkammer des Hechinger Landgerichts, gehört.

Er sei auf der Heimatfahrt von seinem Freund gewesen, als er, um den Angeklagten nicht zu überfahren, eine Vollbremsung habe machen müssen. Ob sich der junge Mann absichtlich vor sein Auto geworfen habe oder ob dies alkoholbedingt geschehen sei, konnte der Zeuge nicht  beantworten. Sehr präsent jedoch ist dem 22-Jährigen noch, wie der Angeklagte seine Fahrertür aufriss, ihm ein Messer an den Hals setzte und ihn aufforderte 2500 Euro zu beschaffen, um sie ihm am folgenden Montag im Grosselfinger Wald zu übergeben. Andernfalls, schilderte der Zeuge, würde er seine Familie umbringen. Ohne ersichtlichen Grund habe der 29-Jährige dann aber von ihm abgelassen  und sei seiner Wege gegangen.

 Darauf habe er (das Opfer) die Polizei verständigt – inzwischen in Begleitung einer Zeitungsausträgerin, die er zu dieser nächtlichen Stunde getroffen habe. Diese wurde ebenfalls als Zeugin gehört. Zwar hatte sie den  Überfall nicht als solchen wahrgenommen, den Angeklagten  aber schon etwas früher in der Nacht durch Rangendingen „torkeln“ sehen.

Als weitere Zeugen geladen waren jene Polizeibeamten, die den Angeklagten schließlich festnahmen und auf dem Revier in Hechingen vernahmen. Letzteres geschah durch eine Kriminalkommissarin vom Kriminaldauerdienst in Rottweil. Sie schilderte den 29-Jährigen direkt nach seiner Ankunft in der Arrestzelle als aggressiv, ein paar Stunden später jedoch sei er „ganz anders“ gewesen: „zugänglich“. In sich zusammengesackt, habe er über die ihm zur Last gelegten Vorwürfe den Kopf geschüttelt – sie aber, obwohl er sich nur noch bruchstückhaft habe erinnern können, eingeräumt. Aggressiv in Erinnerung hat ihn auch der 20-jährige Student der Polizeihochschule, der in der Tatnach als Praktikant in Hechingen im Einsatz war. Übel beleidigt habe er ihn während seiner Festnahme und auf der gesamten Fahrt von Rangendingen nach Hechingen. „Bullenschweine“ habe er die Beamten geheißen und Drohungen artikuliert wie: „Ihr werdet brennen“; „ich bring euch alle um“; „ich werde euch den Zorn Putins spüren lassen“… Einige Zeit später habe er Stimmungsschwankungen bei dem 29-Jährigen festgestellt. In einer Minute habe er in der Ecke gesessen und geweint, in der nächsten Minute wieder Beleidigungen artikuliert.

Dem zweiten Beamten, der bei der Festnahme Pfefferspray zum Einsatz brachte, war der Angeklagte von „früheren Vorfällen“ als „gewalttätig bekannt“. Auch in jener Augustnacht des vergangenen Jahres habe er einen aggressiven und aufgewühlten Eindruck auf ihn gemacht. Vor Gericht nannte ihn der Polizeioberkommissar einen „jugendlichen Intensivtäter“, persönlich beleidigt gefühlt habe er sich von ihm  nicht. Das Pfefferspray eingesetzt habe er, weil er annehmen musste, dass der Angeklagte das Messer noch bei sich trug. Tatsächlich hatte es der 29-Jährige bei seiner Festnahme  bereits weggeworfen (in die dunkle Einfahrt seines Zuhauses).

Info Am Montag, 21. November, wird die Verhandlung mit den Plädoyers und dem Urteilsspruch fortgesetzt. Wobei der Vorsitzende Richter, der Staatsanwalt und der Verteidiger bereits wissen, dass der Angeklagte bereit ist, eine ambulante Suchttherapie zu machen (samt regelmäßigem Messen der Leberwerte und Drogenscreening). Auch wissen sie um die Einschätzung des Gutachters, dass der 29-Jährige zur Tatzeit erheblich vermindert steuerungsfähig gewesen sei.