Hechingen "Ich bin gerne hier"

Wieder mal auf Heimatbesuch in Hechingen: Helga Model. Foto: Vees
Wieder mal auf Heimatbesuch in Hechingen: Helga Model. Foto: Vees
Hechingen / ADOLF VEES 29.08.2012
Helga Model, die letzte Hechinger Jüdin, weilt wieder in der Zollernstadt: Zum 13. Mal kehrte sie für ein paar Wochen aus Sao Paulo in die alte Heimat zurück.

Zusammen mit ihren Eltern war Helga Model noch 1941, wenige Monate vor der Deportation der letzten Hechinger Juden, die Flucht aus der Zollernstadt geglückt war. Die kleine Familie hatte unerkannt und auf Schleichwegen Frankreich und Spanien durchquert, aber als sie Lissabon erreicht hatte, war drei Tage zuvor das letzte Schiff nach Brasilien ausgelaufen. Vier Jahre verbrachten die Models in einem Internierungslager. 1946 endlich kamen sie nach Sao Paulo, zu entfernten Verwandten, die schon in den 30er-Jahren Deutschland verlassen hatten.

1986 war Helga Model mit ihrer Mutter zum ersten Mal wieder in Deutschland. Eine neue Hechinger Generation hatte nach dem Schicksal der Hechinger Juden gefragt, die Synagoge war als Mahn- und Denkmal wieder aufgebaut, die Stadt hatte ihre verlorenen Bürger eingeladen. Es war ein vorsichtiges Herantasten an die Vergangenheit gewesen - auf beiden Seiten, bei den Zurückgekehrten wie bei den Hiergebliebenen. Da war das Stummwerden vor dem Unrecht, das den einstigen Hechinger Bürgern angetan worden war, und da war zugleich die Freude, sich wiederzusehen, sich an Jugend und Hoffnung zu erinnern.

Zwölf Mal kamen Grete und Helga Model in den vergangenen 25 Jahren zur Sommerzeit auf ein paar Wochen in ihre alte Heimat zurück. Alte und neue Freunde nahmen die Model-Damen bei sich auf, fuhren mit ihnen übers Land, kehrten in kleinen Gaststätten ein, aßen schwäbischen Apfelkuchen, tranken Kaffee und fragten sich, warum sie einst gewaltsam getrennt worden waren, woher denn der Sturm aus Unrecht und Gewalt gekommen sei, der das Jahrhunderte währende Zusammenleben von Christen und Juden in Deutschland und in Europa vernichtet hatte. Nein, erklären konnten die Freunde die böse Vergangenheit nicht, aber sie konnten sich freuen, freuen über einen Neuanfang, über eine Versöhnung, über den Frieden, der in ihre Herzen eingezogen war.

Grete Model starb am 2. Februar dieses Jahres mit 101 Jahren in Sao Paulo, zufrieden und versöhnt - und, als die Kräfte nachließen, mit dem plötzlichen Wunsch, noch einmal nach Hechingen zu reisen. "Pack, dein und mein Köfferchen", sagte sie zu ihrer brasilianischen Pflegerin. Wir fahren morgen nach Hechingen. Wir nehmen den Zug. Bestell ein Taxi in die Unterstadt. Der Hechinger Bahnhof ist in der Unterstadt." Die Pflegerin blickte ratlos, aber Helga Model verstand ihre Mutter, sie nahm sie in die Arme und weinte. Nun ist Helga Model alleine gekommen. Sie fuhr wieder nach Melchingen hinauf, ins Haus der Rosa Werner, ihres einstigen Dienstmädchens, in dem heute deren Nichte Rosa Schanz lebt, trank wieder Kaffee aus dem alten Service ihrer Urgroßmutter Sara Rosenthal mit den Initialen SR, die jetzt umgekehrt zu lesen sind: als Rosa Schanz. Und sie sah die wohl bewahrte Todesanzeige ihres Großvaters Hermann Levy, des Textilfabrikanten an der Haigerlocher Straße, der 1931 im Alter von 55 Jahren in Hechingen gestorben war.

"Ich bin gern hier", sagt Helga Model, "ich bin ja die letzte Hechinger Jüdin, die ihre Kindheit hier verbracht hat. Ich habe hier Freunde, das Land ist schön, das Essen ist gut, nur das Mineralwasser ist zu teuer. Aber der Winter ist mir zu kalt. Bei einem Ausflug nach Österreich habe ich zum ersten Mal in meinen Leben Schnee gesehen. Das war schön, aber bei Eis und Schnee möchte ich nicht leben. Irgendwie bin ich eben auch eine Brasilianerin geworden."

"Ich komme wieder", sagt sie beim Abschied. Und der den Klang ihrer Worte im Ohr fühlt, ist ergriffen und freut sich aufs nächste Mal.

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