Hechingen „Dafne’s Diaries“: Bilder wie Lavaströme

Ausdrucksstarke Zeichnungen der Künstlerin Tanja Wörner (rechts) sind unter der Überschrift „Dafne’s Diaries“ im Weißen Häusle in Hechingen zu sehen.
Ausdrucksstarke Zeichnungen der Künstlerin Tanja Wörner (rechts) sind unter der Überschrift „Dafne’s Diaries“ im Weißen Häusle in Hechingen zu sehen. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 19.06.2018

Es ist ein Titel mit hohem Imaginationspotenzial. Unwillkürlich schwingt bei „Dafne’s Diaries“ das mit, was sich einer konkreten Deutung entzieht, nicht unmittelbar greifbar ist. Das von einer Aura des Geheimnisvollen umgebene, im Dornröschenschaf schlummernde „Etwas“: In den Bildern von Tanja Wörner bricht es sich brodelnd Bahn, strömt mächtig, geradezu impulsiv energetisch an die Oberfläche. Wie ein Strom fließendes Magma nimmt es von ihr Besitz, ergießt sich in facettenreichen Farbkristallen auf das Papier.

Was ist es, das dort unter den Tiefen schlummert, Reflexivität forciert und einen inneren Dialog eröffnet, der nicht mit Worten, sondern mit dem Zeichenstift geführt wird? Das zu ergründen kann freilich nur in Ansätzen geschehen – indem man sich den Bildern ausgehend von ihrer optischen Manifestation nähert und dabei nie den Faktor außer Acht lässt, den schon Heinrich Heine als „das Höchste in der Kunst“ bezeichnete: „Die selbstbewusste Freiheit des Geistes.“

Dass die Werke der in Balingen geborenen Tanja Wörner, die von 2007 bis 2012 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studierte, in „Zwischenreiche des Gesehenen und Sichtbaren“ hineinführen, unterstrich bei der Vernissage am Sonntag der Kunsthistoriker Clemens Ottnad. Er führte im Anschluss an die Begrüßungsansprache der stellvertretenden Vorsitzenden des Kunstvereins Hechingen, Sabine Wilhelm-Stötzer, in die Ausstellung ein.

„Nachgerade kamasutrisch“ verschlingt sich in den Bildern, so Ottnad, Linie um Linie, formen sich „phantastisch Landschaften und Architekturen.“ Ihrer „inneren Organik folgend“, mal geschmeidig, mal kantig offenbaren sich „die Übergänge von Natur, Technik und menschlich Körperhaftem.“ Stets jedoch bleibt unter dem „schier undurchdriglichen Liniengespinst“ das verborgen, was als kaleidoskopartige Farb­explosion oberflächlich seinen Niederschlag findet. Wie ein Lavastrom, der sich unaufhaltsam seinen Weg bahnt.

Die Risse, die bei einem solchen Naturschauspiel als Zeichen eines Ausbruchs auftreten, sind auf den Bildern der Künstlerin als Striche zu erkennen. „Eingeritzt“ in die grundierten Holzplatten, die Tanja Wörner ebenfalls bearbeitet, „erscheinen sie wie eine Tätowierung, die Farbe wohldosiert einfließen lässt.“ Denn „ebenbürtige Liniengeschwister“ sollen, so der Experte, nicht übertönt werden.

Neben dem einer Bearbeitung größeren Widerstand entgegenbringenden Material Holz lässt das Papier ein sanfteres Strömen der Farbe zu. Panta rhei – alles fließt, ist im Werden, im Aufbruch. Und alles darf fließen, sich vermischen, in Korrelation stehen. Darf sich zu Traumgebilden formen, deren Kern die ureigene Fantasie ist. Als eine Art Komposition, eine Zähmung des Pulsierenden und Brodelnden, offenbaren sich die Bilder, auf denen eine symmetrische Struktur zu erkennen ist. Ästhetischen Gesichtspunkten folgend wird dem Unbändigen dort eine bestimmte Form gegeben.

Ob die Werke jedoch einen Einblick in die „vielbeschworenen inneren Landschaften“ eröffnen oder „geomorphologische Einsichten ins Erdinnere“ zeigen, bleibt offen. Vielmehr ist der Betrachter laut Ottnad dazu eingeladen, sie aus geringer Distanz zu betrachten, sorgsam zu lesen und sie erst nach und nach langsam zu entschlüsseln.

Gleich einem Tagebuch darf er damit auch ganz persönliche Assoziationen verbinden und eigene Sehnsüchte und Wünsche in die Bilder projizieren. Denn Kunst ist, wie gesagt, stets etwas Individuelles.

Immer samstags- und sonntagnachmittags

Die Ausstellung „Dafne’s Diaries“ mit Werken von Tanja Wörner ist bis zum 15. Juli, jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr, im Weißen Häusle in Hechingen zu sehen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel