Alte Synagoge 30 Jahre Alte Synagoge: Hechingen ist weltoffener geworden

Hardy Kromer 12.11.2016

In einer Woche, am 19. November, ist es genau 30 Jahre her, dass die frühere Synagoge der Hechinger Gemeinde nach ihrer Rettung und Renovierung wiedereröffnet wurde – am Buß- und Bettag im Jahr des 1200-jährigen Stadtjubiläums. Dr. Norbert Kirchmann, heute noch Vorstandsmitglied der Initiative Alte Synagoge und einer der Männer der ersten Stunde, erinnert sich noch gut an die „Schlüssel-Szene“, die im Mittelpunkt der Feier stand: Der Notar Wilhelm Eckenweiler, Gründungsvorsitzender und Motor der Synagogen-Retter, überreichte Schlüssel für das wunderschöne Haus in der Goldschmiedstraße an ehemalige jüdische Mitbürger aus Hechingen, die dem feierlichen Anlass beiwohnten, und sagte zu ihnen: „Damit Sie dort, wo Sie jetzt leben, stets wissen, dass Sie in Hechingen jederzeit das Bürgerrecht haben.“

Die Namen der Opfer verlesen

Es war nicht der einzige bewegende Moment der Feier mit 300 Gästen, in deren Rahmen auch der Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens sprach. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, als die Namen der Opfer der Nazi-Herrschaft verlesen wurden: eine lange Liste von Hechinger Juden, die in die Emigration getrieben oder in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

An jenem denkwürdigen Tag lag die Geschichte der Synagogenrettung bereits wieder vier Jahre zurück. Wie es der im Juli 1979 gegründeten Initiative um Wilhelm Eckenweiler († 1904) mit großer Beharrlichkeit gelang, das komplett heruntergekommene, zur Lagerhalle einer Fertighausfirma degradierte und zwischen 1977 und 1981 mehrfach zum Verkauf ausgeschriebene ehemalige Gotteshaus zu erwerben, liest sich in dem 2009 erschienenen Buch „Die Rettung der Alten Synagoge in Hechingen“ von Waldemar Luckscheiter und Manfred Stützle dramatisch wie ein Krimi.

Zwei Jubiläumsveranstaltungen

Darum und um die Restaurierung unter der Regie von Marek Leszcyzynski wird es bei den beiden bevorstehenden Jubiläumsveranstaltungen am morgigen Sonntag, 13. November, und am Sonntag, 16. November (jeweils um 16 Uhr in der Alten Synagoge) freilich nur am Rande gehen. Morgen soll in Form einer Ausstellung die große Leistung gewürdigt werden, das Haus 30 Jahre lang durch mehr als 500 Veranstaltungen mit Leben zu füllen. Und in acht Tagen wird es in einer hochkarätig besetzten Gesprächsrunde vornehmlich darum gehen, wie man in Zukunft, „wenn die Zeitzeugen verstummen“, die Erinnerung an die Nazi-Gräuel am Leben erhält.

Um die Belebung der neu entstandenen Gedenk- und Kulturstätte hat sich vornehmlich der 1986 unter der Regie von Dr. Gebhard Stein, Karl-Hermann Blickle und Lothar Vees gegründete Verein Alte Synagoge verdient gemacht – und nicht zu vergessen die Musiklehrerin Katja Rambaum, die schon im Spätherbst 1986 die Veranstaltungsreihe „Freitagabend in der Synagoge“ initiierte.

Seither finden in der Alten Synagoge in schöner Regelmäßigkeit Vorträge und Ausstellungen zur jüdischen Geschichte Hechingens, zur jüdischen Kultur und zum christlich-jüdischen Dialog, hochklassige Konzerte (die dem Charakter des Hauses entsprechen) statt. „Ich kenne keine Synagoge in Deutschland, die Vergleichbares zu bieten hätte“, sagt Norbert Kirchmann, der heute zusammen mit Lothar Vees und Nachwuchskraft Cornelia Maas die seit zwei Jahren fusionierten Synagogenvereine führt, tatkräftig unterstützt vom in der Musikszene bestens vernetzten Kassier Wilfried Schenkel.

Die Alte Synagoge ist freilich nicht nur Vortrags-, Ausstellungs- und Konzertsaal, sondern auch eine Gedenkstätte, die jährlich rund 3600 Gäste aus nah und fern außerhalb von Veranstaltungen besuchen. Und sie ist eine Begegnungsstätte, die immer wieder von überlebenden Hechinger Juden oder deren Nachfahren aufgesucht wird – ganz so, wie es Wilhelm Eckenweiler bei seiner Schlüsselübergabe vor 30 Jahren beabsichtigt hat. Um die Herstellung der Kontakte zu den ehemaligen Hechinger Juden haben sich besonders Dr. Adolf Vees und Otto Werner verdient gemacht. Und was könnte die Hechinger Synagogen-Aktivisten schöner in ihrer Arbeit bestätigen als der Zuspruch und die Ermunterung, die sie immer wieder von den Rückkehrern erfahren haben?

Fünf Jahre lang Gebetsstätte

Fünf Jahre lang – in den 90er-Jahren – war die Alte Synagoge sogar wieder neue Synagoge, lebendige Gebetsstätte für 150 jüdische Neubürger, die aus Osteuropa ausgewandert waren und gezielt in der Stadt Hechingen angesiedelt wurden. „Die Gebetbücher auf Hebräisch und Russisch haben wir noch“, sagt Lothar Vees. Die erhoffte Gemeinde-Neugründung gelang jedoch – anders als in Rottweil oder in Ulm – nicht. Denn die neuen Hechinger Juden zogen bald weiter – weg vom Land, hinein in die deutschen Metropolen.

Zukunftsaufgaben für die Initiative? Darum wird es am 20. November gehen. In Zusammen­arbeit mit dem Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb wollen die Hechinger Synagogenmacher Wege ausloten, wie die Erinnerungskultur lebendig gehalten werden kann, wie die Jugend an das Thema herangeführt werden kann. Beispielhaft nennt Lothar Vees das „Jugendguide-Projekt“, das Jugendliche zu Führern in Gedenkstätten ausbildet.

Auch das Veranstaltungsprogramm bietet immer wieder neue inhaltliche Ansätze. Ganz aktuell liegt ein Schwerpunkt auf der Erweiterung des christlich-jüdischen Dialoges hin zum christlich-jüdisch-islamischen „Trialog“ in Zusammenarbeit mit dem einschlägig erfahrenen Stuttgarter Lehrhaus. In der kommenden Woche – am Montag und am Mittwoch jeweils um 19 Uhr – gibt es dazu zwei Vortragsveranstaltungen.

Das Spektrum des Gebotenen und die Resonanz darauf lassen keinen Zweifel übrig: Die Stadt Hechingen, in der die Synagogenretter vor mehr als drei Jahrzehnten noch kritisch beäugte Einzelkämpfer waren, ist durch das Leben in der Alten Synagoge ein gutes Stück weltoffener geworden.

Eine kleine Korrektur zur Bemalung der Synagoge

So ist’s richtig Ein aufmerksamer HZ-Leser hat es bemerkt: Die heutige Bemalung der Alten Synagoge stammt nicht von 1880 (wie es im Artikel in der Donnerstagsausgabe geheißen hatte), sondern von 1850 bis 1852. Im Jahr 1881 wurde die jetzige Neorenaissance-Fassade vor den alten Fachwerkbau gesetzt. Näheres darüber findet man im Buch „Synagogen und jüdischer Friedhof in Hechingen“ von Otto Werner (Seite 24 ff). Dort sind auch die Quellen für die Datierung
genannt.

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