Vermisstensuche Zwölfjähriger irrt allein durch die Nacht

Mit einem Polizeihubschrauber und Spürhunden wurde seit Mittwochabend nach einem vermissten Kind aus Hart gesucht. Erst Donnerstagfrüh wurde der Zwölfjährige im Stadtgebiet von Burladingen von seinem Vater aufgefunden. Der Junge war unterkühlt und hatte Hunger und Durst, war sonst aber körperlich unversehrt.
Mit einem Polizeihubschrauber und Spürhunden wurde seit Mittwochabend nach einem vermissten Kind aus Hart gesucht. Erst Donnerstagfrüh wurde der Zwölfjährige im Stadtgebiet von Burladingen von seinem Vater aufgefunden. Der Junge war unterkühlt und hatte Hunger und Durst, war sonst aber körperlich unversehrt. © Foto: Ufuk Arslan
Haigerloch/Burladingen / Andrea Spatzal 12.01.2018

Der Zwölfjährige wurde am Mittwochnachmittag als vermisst gemeldet. Der Bub lebt bereits seit längerer Zeit in der Wohngruppe Hart der Jugendhilfeeinrichtung Diasporahaus Bietenhausen. Nach der Hausaufgabenbetreuung habe die Wohngruppenleitung plötzlich bemerkt, dass der Junge fehlt. „Wir haben sofort die Polizei verständigt“, berichtete Geschäftsbereichsleiterin Gudrun Wahl-Nisi am Donnerstag – wenige Stunden nachdem der Junge frierend, durstig  und hungrig, aber wohlbehalten im Stadtgebiet von Burladingen von seinem Vater aufgefunden worden war. Sicherheitshalber versorgte das DRK den kleinen Heimkehrer.

Das glückliche Ende einer nächtlichen Odyssee, deren Auslöser noch im Dunkeln liegt. Es sei nicht das erste Mal, dass nach dem  Jungen gesucht werden musste, sagt Gudrun Wahl-Nisi. Aber zum ersten Mal löste sein Verschwinden eine große Suchaktion aus. Die Polizei suchte am Mittwochabend zuerst die Gegend rund um das Wohnhaus in Hart ab, setzte dann die Suche mit einem Polizeihubschrauber und schließlich mit Spürhunden fort. Die Vermisstensuche war zunächst jedoch erfolglos.

Doch dann kam die erlösende Nachricht: Der Vater der Kindes meldete am Donnerstagmorgen um 4.55 Uhr, dass er seinen Sohn an einer Bushaltestelle im Burladinger Stadtgebiet aufgefunden hat. Offenbar war der kleine Wanderer Passanten aufgefallen, die ihn erkannt und seine Eltern, die in Burladingen leben, verständigt hatten. „Es hat ihn an seinen Heimatort gezogen“, stellt Gudrun Wahl-Nisi fest. Der Junge dürfe jetzt ein paar Tage bei seinen Eltern bleiben, wo er regelmäßig zu Besuch sei, bevor er in die Wohngruppe zurückkehre.

Es waren bange Stunden für alle Beteiligten. „Wir haben uns große Sorgen um ihn gemacht“, sagt Wahl-Nisi. Das letzte Mal war der Zwölfjährige am  Mittwoch um 16.21 Uhr in Hart gesehen worden, wie er die Buslinie 10 (Hart-Rangendingen-Hechingen) bestieg.

Wohin der Junge wollte, konnte die Polizei zunächst nicht ermitteln. Aufgrund der Außentemperaturen und der Dunkelheit konnten die Suchtrupps nicht ausschließen, dass sich der Junge in einer lebensbedrohlichen Lage befindet. Zu diesem Zeitpunkt war die Polizei bereits von den Betreuern darüber informiert worden, dass das abgängige Kind verhaltensauffällig sei, dazu neige, sich zu verstecken, wenn sich ihm jemand nähert.

Aufgabe der sozialpädagogischen Fachkräfte  des Diaspora­hauses Bietenhausen wird es jetzt sein, zu ergründen, warum der Junge abgehauen ist. Kinder und Jugendliche mit Traumafolgestörungen handelten oft dissoziativ, zeigten stressbedingt ein Verhalten, das auf den ersten Blick nicht nachzuvollziehen sei, erklärt Gudrun Wahl-Nisi. Eine kleine Verletzung, ein falsches Wort – alles mögliche könnte ein Auslöser, ein „Trigger“ für eine Übersprunghandlung sein. „Es ist wie ein Puzzle, das man zusammensetzen muss“, sagt die Fachfrau. „Jetzt sind wir aber erst mal froh, dass der Kleine seine Odyssee körperlich unbeschadet überstanden hat.“

13 Wohngruppen in zwei Landkreisen

Das Diasporahaus Bietenhausen bietet im Rahmen seines vielfältigen Jugendhilfeangebots verschiedene Wohn- und Betreuungsformen an. Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 17 Jahren können aufgenommen werden, die aus verschiedenen Gründen nicht weiter in ihren Herkunftsfamilien leben können oder für einen begrenzten Zeitraum einer außerfamiliären Förderung bedürfen. Die 13 Wohngruppen des Diasporahauses verteilen sich auf  Albstadt, Balingen, Hart, Hechingen, Meßstetten, Rangendingen und Rottenburg. Die Wohngruppe in Hart bietet acht reguläre Plätze. Das Team in Hart besteht aus sechs sozialpädagogischen Fachkräften, die von Vorpraktikanten sowie Studenten unterstützt werden, sowie zwei Hauswirtschaftskräften.

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