Owingen Zoff um Bücherei-Asyl im Pfarrsaal

Ins Pfarrhaus wird die Owinger Bücherei nicht mehr zurückkehren. Ein Vierteljahr nach dem Brand sind aber auch noch keine provisorischen Räume für den Wiederaufbau in Sicht.
Ins Pfarrhaus wird die Owinger Bücherei nicht mehr zurückkehren. Ein Vierteljahr nach dem Brand sind aber auch noch keine provisorischen Räume für den Wiederaufbau in Sicht. © Foto: Archiv
Owingen / Judith Midinet 06.04.2018
Die Gruppen, die den Pfarrsaal regelmäßig nutzen, wollen wegen der provisorischen Unterbringung der Bücherei nicht auf andere Räume ausweichen.

Einen verzweifelten Hilferuf haben die Mitarbeiter der Owinger Bücherei im sozialen Netzwerk Facebook abgesetzt: „Quo vadis? Aufgeben oder weiterkämpfen, das ist die große Frage?“, schreiben sie. Denn nach einem Treffen mit den Gruppen aus der katholischen Pfarrgemeinde, die den Pfarrsaal regelmäßig nutzen, ist nicht klar, ob die Bücherei den Pfarrsaal als provisorisches Asyl für den Wiederaufbau nutzen kann. Der Brand am 13. Januar hat den kompletten Medienbestand, das Inventar und Arbeitsmaterial der Bücherei vernichtet. Der Pfarrsaal wäre nur ein Provisorium, bis neue Räume bezogen werden können. Aber auch für den Wiederaufbau in einem Provisorium ist eine Grundfläche von mindestens 100 Quadratmetern nötig.

Mit diesen Ansätzen sind Pfarrer Michael Storost und Büchereileiter Bernd Liener in die Besprechung gegangen – auf der Homepage der Bücherei ist das Protokoll von dem Treffen am 22. März (www.owbib.de/wiederaufbau.html) einsehbar, eine gedruckte Form liegt zur kostenlosen Mitnahme während der Öffnungszeiten der Bücherei im Pfarrsaal aus. 33 Personen nahmen an dem Treffen teil, unter ihnen Vertreter der Bücherei, der Frauenrunde, des Kirchenchors, der Seniorengymnastik und des Seniorennachmittags, Kirchenarchivar Thomas Volm, Jakob Sickinger (Belegung Pfarrsaal) und der ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Josef Volm. Die Emotionen seien schon zu Beginn „hoch gekocht“, heißt es in dem Protokoll. Größte Sorgen waren dabei, dass die Bücherei für immer den Pfarrsaal nutzen werde und sowieso schon alles eine beschlossene Sache sei. Doch der Träger der Bücherei, die Seelsorgeeinheit Eyachtal-Haigerloch St. Anna, hatte den Pfarrsaal als provisorische Unterkunft (etwa drei Jahre) im Auge, weil so hohe Mietkosten vermieden werden können. Die eingesparten Kosten könnten dann für die neuen Räume verwendet werden. Dem Seniorennachmittag sowie der Frauenrunde, die sich einmal im Monat treffen, wurde das Angebot gemacht, vorübergehend in den vorderen Engelsaal oder auch in die Zunftstube des Narrenvereins auszuweichen. In beiden Räumlichkeiten hätten die Gruppen die Möglichkeit, selber Kaffee zu kochen und auch eigenes Essen und Getränke mitzubringen. Die Gruppe Seniorengymnastik könnte in die neu renovierte Eyachtalhalle oder auch in den großen Turnraum im Kindergarten ausweichen. Dies wäre günstiger, als für die Bücherei Räumlichkeiten anzumieten. Der Kirchenchor könnte auch weiterhin mit der Bücherei den Pfarrsaal nutzen, da er nicht viel Platz benötigt. „Alle anderen Gruppierungen haben aber jeden Vorschlag von vorn herein kategorisch abgelehnt und wollen partout im Pfarrsaal bleiben“, erzählt Bernd Liener von dem Treffen. Die Gruppen hätten lediglich angeboten, die Bücherei im hinteren Teil des Pfarrsaals unterzubringen. Dieser ist aber zu klein, hat keine Fenster und würde auch nicht ausreichen, um in den drei Jahren Aufbauzeit, die die Inventar-Versicherung vorgibt, wieder über 6300 Medien, Computer, Ausleih- und Arbeitstische, Bilderbuchtröge und Regale unterzubringen.

Das Büchereiteam und auch Pfarrer Storost waren über die Reaktion der Gruppen sehr enttäuscht, zumal die Bücherei genauso so ein Teil der Kirchengemeinschaft ist wie die verschiedenen Gruppen. Selbst in dieser Notlage einer Gruppe aus den ­eigenen Reihen gab es keinerlei Zugeständnisse. „Deutschlandweit erhalten wir Geld- und Sachspenden sowie Hilfsangebote beim Einarbeiten der neuen Medien, aber vor der eigenen Haustür legt man uns Steine in den Weg“, beklagt sich das Büchereiteam.

Um im Falle der naheliegenden Schließung der Bücherei eine ordnungsgemäße Übergabe der verbliebenen Medien an den Träger zu gewährleisten, bittet das Team alle 500 Leser, ihre noch geliehenen Medien bis Ende April abzugeben.

„Einer 90 Jahre alten Einrichtung droht jetzt aufgrund weniger Menschen, die sich auf keine Kompromisse einlassen, ein jähes Ende“, fürchtet Büchereileiter Liener, „nicht nur Owingen, sondern die gesamte Seelsorgeeinheit sowie die Gesamtstadt Haigerloch wird eine ehrenamtliche und gemeinnützige Einrichtung mit Zukunft für immer verlieren, deren Wert, besonders in der heutigen Zeit, unschätzbar ist.“

Info Geöffnet ist die Bücherei im Pfarrsaal: Montag und Mittwoch von 17 bis 19 Uhr, Freitag von 15 bis 17 Uhr und Samstag von 10 bis 11.30 Uhr.

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