Bildung Zank um „Visionen“-Messe wird am Runden Tisch ausgefochten

Andrea Spatzal 15.11.2017

Das gestrichene Freibier war ein Aufregerthema beim Handwerkerjahrtag in Haigerloch. Bei der Traditionsveranstaltung bekam aber auch das Haigerlocher Gymnasium einen kräftigen Seitenhieb ab: Jürgen Gress, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Zollern-Alb, kritisierte, dass sich die Schule „seit Jahren weigert“, an der kreisweiten Bildungsmesse „Visionen“ teilzunehmen.

Silke Schwenk, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) für den Zollernalbkreis und Mitorganisatorin der Bildungsmesse, bekräftigt diesen Vorwurf. Das  Gymnasium Haigerloch sei bei der seit zehn Jahren bestehenden „Visionen“-Messe „noch nie dabei gewesen“. „Zig Schreiben“ habe sie in der Sache schon an die Schulleitung in Haigerloch geschickt, vor zwei Jahren sogar ein von Landrat Günther-Martin Pauli unterzeichnetes, um der „Einladung“ Nachdruck zu verleihen. „Mit der Haigerlocher Realschule funktioniert’s doch auch“, ergänzt die WFG-Geschäftsführerin.

Ein ähnlicher Fall, berichtet Silke Schwenk, sei das Ebinger Gymnasium gewesen. Da habe sich sogar die Firma Groz-Beckert eingeklinkt und eine Kehrtwende herbeigeführt. „Wir stellen jedes Jahr eine Top-Messe auf die Beine, an der sich auch die Unternehmen im Zollern­albkreis mit viel Geld beteiligen“, erklärt sie. Zu Recht fragten die Unternehmen, die mit zahlreichen Ausbildern und sogar Personalchefs auf der Messe vertreten seien, warum die Schüler einzelner Schulen fehlen. Zwar weiß Silke Schwenk, dass das Gymnasium Haigerloch auf der Bildungsmesse nicht ganz außen vor ist. Aber die Schule besuche die Messe nicht, wie es andere Schulen tun, im Klassenverbund, sondern stelle es den Schülern frei, individuell an der Messe teilzunehmen. „Das funktioniert halt nicht“, ist Silke Schwenk überzeugt. Dem Argument, Gymnasien hätten ihre Schüler eher auf akademische Laufbahnen, denn auf Lehrberufe vorzubereiten, hält Schwenk entgegen: „Wir haben hier viele exzellente Unternehmen, viele Hidden Champions, die sich bei der Suche nach Fachkräften schwer tun, deshalb müssen wir gerade die gut ausgebildeten jungen Leute in der Region halten.“

Gegen diese Argumentation hat Karin Kriesell, Schulleiterin des Gymnasiums Haigerloch, gar nichts einzuwenden, wohl aber daran, dass die Bildungsmesse „Visionen“ eine Pflichtveranstaltung sein soll. „Etwas aus Zwang zu machen, heißt nicht automatisch, dass dabei mehr rauskommt“, argumentiert die Schulleiterin. Den Schülern ihrer Schule sei es freigestellt, die dreitägige Messe in Balingen am Freitagnachmittag oder Samstag zu besuchen. Wer schon am Freitagvormittag daran teilnehmen möchte, werde ohne weiteres beurlaubt.

Weit von sich weist Karin Kriesell den Vorwurf, das Gymnasium Haigerloch würde sich der Messe „verweigern“. „Das ist gelogen, richtig ist, dass wir einen anderen Weg gewählt haben, andere Formate probieren“, korrigiert die Schulrektorin. Mit ihren vielfältigen Angeboten zur Berufsorientierung direkt im Haus, vor allem dem umfangreichen Bogy-Programm, trage die Haigerlocher Schule dem Trend der immer stärkeren Individualisierung Rechnung. Es kämen viele Unternehmen ans Gymnasium, um sich vorzustellen und den Schülern Karrierewege aufzuzeigen. Vor zwei Jahren etabliert und „sehr, sehr erfolgreich“ sei auch die Berufsbörse, auf der Eltern und andere Referenten ganz konkret über ihren beruflichen Werdegang und ihre Erfahrungen berichten.

Aber nicht nur pädagogische, auch finanzielle Gründe sprechen nach Meinung der Schulleiterin gegen die „Visionen“-Messe als Pflichtveranstaltung: Seit einigen Jahren müssen die Schulen, wenn sie im Klassenverbund zum Messegelände in Balingen gelangen wollen,  die Busse selbst organisieren und auch bezahlen. „Das sind Kosten  von 600 bis 1000 Euro“,  rechnet Karin Kriesell vor. Da sei es angesichts eines begrenzten Schulbudgets schon zu überlegen, ob das Geld nicht anderweitig effektiver eingesetzt werden kann.

Die Schulleiterin stellt sich im „Visionen“-Zank aber gern der weiteren Diskussion. So wie sie vor zwei Jahren auf das Schreiben des Landrats geantwortet habe, habe  sie auch mit dem Überbringer der Kritik, Jürgen Gress, inzwischen Kontakt aufgenommen. Nun sei, sagt Karin Kriesell, ein Runder Tisch geplant. Nur der Termin für die Aussprache stehe noch nicht fest.