Haigerloch Gedenkfeier: Wenn Steine sprechen

Wenn Stein sprechen: Unter diesem Titel gab es szenische Darbietungen durch den Kurs Literatur und Theater des Gymnasiums Haigerloch. Unser Foto zeigt von links den Vereinsvorsitzenden Helmut Opferkuch, die Lehrer Kerstin Gotthardt und Stefan Albiez sowie die Aufführenden Vanessa Noschka, Carlotta Koch, Ali Ece, Pauline Gaus, Patrizia Dania, Marion Pötzsch und Julia Canel.
Wenn Stein sprechen: Unter diesem Titel gab es szenische Darbietungen durch den Kurs Literatur und Theater des Gymnasiums Haigerloch. Unser Foto zeigt von links den Vereinsvorsitzenden Helmut Opferkuch, die Lehrer Kerstin Gotthardt und Stefan Albiez sowie die Aufführenden Vanessa Noschka, Carlotta Koch, Ali Ece, Pauline Gaus, Patrizia Dania, Marion Pötzsch und Julia Canel. © Foto: Wilfried Selinka
Haigerloch / Von Wilfried Selinka 12.11.2018
Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Reichpogromnacht in der Haigerlocher Synagoge, mitgestaltet von jungen Gymnasiasten.

Über 120 Gäste waren am Freitagabend auf Einladung des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge Haigerloch zu einer berührenden Gedenkfeier an den 9. November 1938 im früheren Synagogengebäude zusammengekommen. Ihnen allen entbot der Vorsitzende des Synagogenvereins, Helmut Opferkuch, nach dem Lied „Scholem sol sajn – Friede soll sein“, einfühlsam gespielt auf der Violine von Carlotta Koch und Vanessa Noschka, einen Willkommensgruß.

Dann erinnerte er daran, dass in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch in Haigerloch  die 1783 erbaute Synagoge von etwa 50 SA-Männern aus Sulz und Haigerlocher SA-Leuten geschändet wurde. Sie zerschlugen Fenster, drückten die Tür der Synagoge ein und demolierten die Einrichtung, ebenso den Unterrichtsraum im israelitischen Gemeindehaus und die Wohnung des Lehrers und Rabbinatsverwesers Gustav Spier.

Jüdische Mitbürger wurden verhaftet, am 12. November 1938 ins Konzentrationslager nach Dachau deportiert und erst nach über einem Monat im Dezember wieder freigelassen. Insgesamt wurden mindestens 278 ­Menschen von Haigerloch aus in die Konzentrationslager in Ost­europa deportiert und dort ermordet. Nur zehn von ihnen überlebten.

Helmut Opferkuch ging außerdem auf das ehemalige Synagogengebäudes nach dem Krieg ein. Vor 30 Jahren anlässlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht wurde eine Bürgerinitiative gegründet, der Gesprächskreis Ehemalige Synagoge Haigerloch, der im Jahr 2000 in einen eingetragenen Verein umgewandelt wurde.

„Heute, 80 Jahre nach der Reichspogromnacht, müssen wir erleben, wie Ausgrenzung, Intoleranz und Rassismus erneut einen fruchtbaren Nährboden finden und auf dem Vormarsch sind. Vor diesem Hintergrund ist Erinnerungsarbeit weiterhin wichtig und das Aufstehen für Demokratie und Menschlichkeit unabdingbar“, so Opferkuch.

Einen besonderen Beitrag dazu leistete der Kurs „Literatur und Theater“ des Gymnasiums Haigerloch mit Julia Canel, Patrizia Dania, Ali Ece, Pauline Gaus und Marion Pötzsch im Zusammenspiel mit den beiden Violinistinnen Carlotta Koch und Vanessa Noschka unter der Leitung von Deutschlehrerin Kerstin Gotthardt.

„Wenn Steine sprechen“ hieß das szenische Spiel der fünf Gymnasiasten. Jeder Besucher hatte zu Beginn der Gedenkfeier einen Stein mit dem Vornamen eines früheren jüdischen Mitbürgers bekommen. In abwechselnden, oftmals bedrückenden Szenen hatten sich die Aufführenden vorgenommen, Steine in den Blick zu nehmen und eine Verbindung zu den Haigerlocher Juden zu schaffen, deren Schicksal sich in der Pogromnacht vor 80 Jahren entschied.

„Auch am 9. November 1938 nahmen Menschen Steine in die Hand. Dann sprachen diese Steine von zerstörten Fenstern der Synagogen, der jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser in ganz Deutschland. Der Stein des Anfangs einer grausamen Verfolgung von Menschen, die an diesem Tag systematisch begann und legitimiert wurde, so auch in Haigerloch“. Insgesamt wurden 111 Fenster in den Häusern der Menschen zerstört, deren Namen auf den Steinen der Besucher standen.

Es folgte die Nennung der Namen von Haigerlocher Juden und ihrer Familien, von den Männern, die verhaftet wurden und ins KZ nach Dachau verfrachtet wurden. Erinnert wurde an die Menschen, denen das Leben schwer oder unmöglich gemacht wurde in Haigerloch und anderen Städten Deutschlands. An all diejenigen , die gar mit ihrem Leben bezahlen mussten, als sie getroffen wurden „von Menschen, mit Herzen aus Stein“.

Eingebunden in die Szenen war das Lied „Dust in the Wind“, das Klezmerstück „Main umet – Mein Kummer“ und das Gedicht „Chor der Steine“ der jüdischen Schriftstellerin Nelly Sachs.

Wie keine Zweite fasste sie ihr Erleben, ihre Empfindungen und das Entsetzen über den Holocaust und ihre ­eigenen Jahre im Exil in Sprache und schuf damit Raum für ­Trauer, Erinnerung und Mahnung.

Ausstellung mit Schülerarbeiten

Eröffnet wurde im Rahmen der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht vor 80 Jahren eine Ausstellung mit Linolschnittarbeiten von Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 10 des Gymnasiums unter der Leitung von Stefan Albies zum Thema jüdischer Friedhof und ihre Grabsteine.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel