Dürrenmatts frühes, 1949 uraufgeführtes "ungeschichtlich-historisches" Theaterstück, bildet in vier Akten die Ereignisse in der Villa des letzten römischen Kaisers Romulus Augustus in Kampanien vom Morgen des 15. auf den 16. März 476 ab, als die Germanen sich anschicken, das Römische Reich zu erobern. Es gewährt Einblick in die unterschiedlichen Strategien des Herrschers, seiner Familie und seiner Untertanen angesichts existenzieller Bedrohung durch den Feind.

Vom ersten Augenblick an wurde das Publikum vom energisch mit letzter Kraft hereinreitenden Reiterpräfekten Spurius Titus Mamma (Cecilie Fischer) in den Bann des dem Untergang geweihten römischen Weltreichs hineingezogen. Seine Meldung von den herannahenden Germanen dringt jedoch nur schwerlich durch die unbefestigten Mauern des Kaiserhofs, wo Kaiser Romulus - wunderbar genussvoll aber auch philosophisch tiefschürfend von Max Waiblinger verkörpert - längst auf die Insignien höfischer Macht verzichtet und hier ein ebenso hermetisch abgeriegeltes wie beschaulich-lukullisches Landleben als Hühnerzüchter zelebriert. So wird der erschöpfte Bote von den stoisch abweisenden Kammerdienern des Kaisers, (Alyssa Friederich, Fabienne Pieper) auf den langen Dienstweg verwiesen.

Der Kaiser bleibt die Ruhe selbst und philosophiert: "Meldungen stürzen die Welt nie um. Das tun die Tatsachen, die wir nun einmal nicht ändern können, da sie schon geschehen sind, wenn die Meldungen eintreffen, man gewöhne sie sich deshalb so weit als möglich ab." Vielmehr als der drohende Untergang Roms interessiert ihn, welche seiner Hühner Eier gelegt haben.

Aber die Hofbediensteten verfallen in Aktionismus. Sie wollen kämpfen oder fliehen. Aber weder der Innenminister (Hanna Fieler), noch der Kriegsminister (Pia Haug), nicht einmal des Kaisers Frau (prägnant: Thit Jørgensen) oder seine Tochter (entzückend: Deborah Kämmerling) können Romulus zum Handeln bewegen. Auch Zeno, der oströmische "Kollege" (Johanna Fischer), kann, entmachtet durch seine Kämmerer (Lea Schubert und Nastasija Dania), den Kaiser nicht mehr umstimmen. Denn der hat andere Pläne: Lieber richtet er sein Imperium zugrunde, als eine Machtpolitik, die sich auf Blutvergießen stützt, auszuüben. So verhökert er dem Kunsthändler Apollyon, (herrlich maniriert: Helge Biscalchin in einer von drei Rollen) seine Schätze nach dem Motto "Wir haben Ausverkauf". Auch das Angebot des reichen Hosenfabrikanten Cäsar Rupf (Maximilian Rath), das Kaiserreich durch eine Heirat zu retten, schlägt Romulus aus und rät seiner Tochter lieber zu ihren Geliebten Ämilian (bestechend: Tom Kussberger). "Man soll das Vaterland weniger lieben als einen Menschen", lautet Romulus weiser Rat.

Als der Plan, den untätigen Kaiser zu meucheln, misslingt, flieht der gesamte Hofstaat und nur Romulus bleibt zurück, um furchtlos dem Einmarsch der Germanen entgegen zu blicken.

Aber - sonst wäre es kein echter Dürrenmatt - alles kommt anders, als gedacht: Der Germanenfürst Odoaker (Helge Biscalchin) entpuppt sich ebenfalls als "Hühnerzüchter von Format" und trachtet dem Kaiser gar nicht nach dem Leben, sondern schickt ihn würdevoll in Pension. Ob die Nachkommenschaft, verkörpert durch Odoakers Neffe Theoderich (Tom Kußberger), ebenfalls friedliebend bleiben wird, bezweifeln die machtmüden Weltherrscher. Sie sind sich einig darüber, dass ihre Regierungsjahre "unheldische Jahre sein werden, aber sie werden zu den glücklichsten Jahren dieser wirren Erde zählen". Eine Einsicht, die manchem verblendeten Machtpolitiker auch heute gut stehen würde.

Eine engagierte Theatertruppe hat sich da mit viel Lust und Können unter der Leitung von Kerstin Gotthardt an das auf den Bühnen unserer Zeit zu wenig gewürdigte Stück herangetraut. Auch Schulleiter Helmut Opferkuch zollte den jungen Darstellern Respekt, die ganz mit ihren Rollen verschmolzen, gut aufeinander eingespielt waren und dem Zuschauer durch gekonntes Mienenspiel so manches Lachen abringen konnten. Es war eine Freude zu sehen, was da neben dem Unterricht und in der Abiturvorbereitungszeit von den Schülern und zahlreichen freiwilligen Helfern hinter den Kulissen geleistet wurde (Plakat: Marlon Bassi, Technik: Bastian Zappe, Clemens Gotthardt, Maske: Elisa und Julia Siedler, Bühnenbild: Theater AG und Stefan Möller, Kostüme: u.a. Marianne Möller).

Das Ensemble verwandelte den Fruchtkasten des Schlosses für zweieinhalb Stunden zur Freude des aufmerksamen Publikums in eine römische Hühnerhof-Residenz. Große Klasse! Die Atmosphäre auf dem Schloss bot den Rahmen für zwei rundum gelungene Abende, die in die Frage eines Zuschauers mündeten: "Und was spielt Ihr nächstes Jahr?"