Haigerloch Von seltener Eindringlichkeit

Die Pianistin Christina Wagner am Bürgerhaus-Flügel. Foto: Wilfried Selinka
Die Pianistin Christina Wagner am Bürgerhaus-Flügel. Foto: Wilfried Selinka
Haigerloch / WILFRIED SELINKA 27.05.2013
In einem trotz des Champions-League-Endspiels überaus gut besuchten Klavierabend überraschte die junge Pianistin Christina Wagner mit ungewöhnlicher Musikalität und erstaunlicher Virtuosität.

Wegen des großen Fußballereignisses wurde der Klavierabend im Rahmen der Schlosskonzerte um eine halbe Stunde vorverlegt.

Obwohl man angesichts des Termins Bedenken hatte, hat das Konzert doch viele Freunde guter Klaviermusik ins Bürgerhaus gelockt. Und sie wurden nicht enttäuscht, denn sie erlebten mit Christina Wagner aus Würzburg eine junge, leidenschaftliche Pianistin, die Klaviermusik aus vier Epochen in feiner Klangkultur und großer Eindringlichkeit darbot.

Roland Trojan vom Freundeskreis der Haigerlocher Schlosskonzerte begrüßte die zahlreichen Musikliebhaber und stellte kurz die Vita der Pianisten vor. So wurde die Leidenschaft für die Musik bei Christina Wagner bereits im Alter von sieben Jahren entfacht. Damals begann sie ihre Klavierausbildung. Ein wichtiger Schritt auf ihrem Weg war 1994 die Auswanderung von Kasachstan nach Deutschland, der die Ausbildung an der Musikakademie Tübingen und anschließend an der Hochschule für Musik in Trossingen folgte.

Es stellte sich bald heraus, dass für Christina Wagner nur eine Musikerkarriere in Frage kam und so schloss sie im Jahr 2011 ihr Studium als Diplom-Musiklehrerin an der Hochschule für Musik in Würzburg ab. Weitere Entwicklungen ihrer Klangfarbe förderte sie durch einen Aufenthalt am berühmten Konservatorium Rimsky-Korsakow und durch ihre Konzerttätigkeit in Sankt Petersburg, Russland.

Die klanglichen Resultate konnten sich in Haigerloch hören lassen. Sie fundieren auf einem durchsichtigen, genauen und schlanken Spiel. So "steigt" Christina Wagner nicht in die Tasten, sondern spielt vielmehr aus den Fingern und dem Handgelenk heraus, was bereits im "Adagio", dem ersten Satz von Joseph Haydns Sonate in e-Moll als einem lyrischen Tongemälde zu spüren und hören war. Auch die beiden weiteren Sätze waren genussreich und magisch zugleich, präzise auch in den schnellen Läufen.

Weich und ausgeglichen in Farbe, Spannung und Klang, ja gerade zu feierlich, drangen "Präludium und Fuge in h-Moll" von Johann Sebastian Bach in den Saal. Der feine und präzise Anschlag mit sicherem Gespür für die Komposition kam bei den Zuhörern überzeugend an.

Die beiden Gestalten aus der griechischen Mythologie "Hero und Leander" waren der Hintergrund der zauberischen Klänge aus der "Ballade Nr. 2 in h-Moll" von Friedrich Liszt. Hero war eine Aphroditepriesterin die in Sestos, an der Meerenge Hellespont ihren Dienst versah. Ihr Geliebter Leander aus Abydos durchschwamm die Enge allnächtlich, um mit ihr vereint zu sein. Als die Lampe, die Hero als Wegweiser aufgestellt hatte, in einem Sturm erlosch, verirrte sich der Liebende auf dem Meer und ertrank. Am folgenden Morgen entdeckte Hero seinen Leichnam und stürzte sich von einer Klippe in den Tod.

Das Meeresbrausen, der Kampf mit dem Meer und das Donnergrollen wurden wunderbar in perlenden Läufen von der Pianistin mit der linken Hand in herrlichen Basstrillern herausgearbeitet, aber auch die rechte Hand war in den hohen Tönen gefühlvoll und leise von ungewöhnlicher Musikalität geprägt. Christina Wagner war bei dieser großartig-energiegeladenen Komposition voll in ihrem Element und durfte vor der Pause wohlverdienten Beifall entgegennehmen. Das brachte die bescheidene Pianistin sichtlich ein wenig in Verlegenheit.

Dem Romantiker Robert Schumann war der zweite Teil des Klavierabends gewidmet. Aus "Intermezzi Op. 4" aus dem Jahr 1832 ertönten die beiden Sätze "Allegro moderato" mit kräftigem und impulsiven Beginn und einem bewegten und schnellen "Allegro", das schön und heiter in den Raum perlte.

Eine abschließende Kostprobe ihrer Virtuosität lieferte Christina Wagner mit Schumanns viersätziger "Klaviersonate in g.Moll Op. 22". Dabei stellte sich die Pianistin in feiner Bescheidenheit ganz hinter das Werk, dem sie (mit nochmals bestechender Technik) auf diese Weise vollkommen diente. Das galt für den ersten, mit "So rasch wie möglich" überschriebenen Satz ebenso, wie für das "Rondo", welches Schumann für seine geliebte Frau Clara umschrieb, weil diese ihn als "viel zu schwer" empfand. Diesem letzten Satz folgte langer Applaus. Und natürlich durfte Christina Wagner das Bürgerhaus erst nach einer Zugabe verlassen. Abschließend war das Publikum mit dem Abend mehr als hochzufrieden.

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