Trillfingen Orgel in Wendelinskapelle ist eine Rarität

Organist und Chorleiter Karl Müller zeigt die Züge, mit denen man die Orgel der St. Wendelinskapelle in Trillfingen anstelle des Motors betreiben kann.
Organist und Chorleiter Karl Müller zeigt die Züge, mit denen man die Orgel der St. Wendelinskapelle in Trillfingen anstelle des Motors betreiben kann. © Foto: Carola Lenski
Trillfingen / Carola Lenski 05.04.2018
Die St. Wendelinskapelle hütet einen besonderen Schatz: Die kleine Orgel hat noch das originale Kopfpedal.

Leidenschaft steht Karl Müller ins Gesicht geschrieben, als er in die Tasten der kleinen Orgel greift und sämtliche Register zieht. Der Orgelwind trägt Melodien von Bach und Händel durch ihre alten Pfeifen. Der örtliche Organist und Chorleiter strahlt, denn die alte Orgel in Trillfingen, auf der er spielt, ist etwas ganz Besonderes. Sie ist eine Rarität.

Hoch oben auf einer Anhöhe von Trillfingen erhebt sich die alte St. Wendelinskapelle, die 1764 an der Stelle einer älteren Kapelle erbaut wurde. Sie beherbergt den kleinen Schatz, den Müller liebevoll die Kapellenorgel nennt. Das kleine Orgelwerk mit frischem, hellen Klang, wird Schätzungen nach auf Ende 17. bis Anfang 18. Jahrhundert datiert. Es ist eines der ältesten spielbaren des Landes und deshalb eine besondere Kostbarkeit. Ob die kleine einmanualige Orgel mit angehängtem Pedal und sechs Registern, die bei den Tönen für unterschiedliche Klangfarben sorgen, für die St. Wendelinskapelle gebaut wurde, oder – wie ein Befund eher vermuten lässt – vom älteren Bau übernommen wurde, ist nicht eindeutig geklärt. Tatsache ist, dass sich das kleine Orgelwerk bis in unsere Zeit erhalten hat, wenn auch zuletzt in desolatem Zustand.

Seit der Eingemeindung Trillfingens am 1. Januar 1973 ist die Stadt Haigerloch Eigentümerin der kleinen Kapelle und damit auch der kleinen Orgel. Auf Betreiben von Karl Müller und des bereits verstorbenen Orgelsachverständigen Gerhard Rehm beschloss die Stadt etwa fünf Jahre später, also im Jahr 1978, das damals nahezu unbespielbare Werk zu restaurieren. Orgelbaumeister Hans Stehle aus Bittelbronn renovierte sie schließlich im Jahr 1979 mit größter Sorgfalt. Glücklicherweise mussten dabei nur wenige Holzpfeifen wegen Wurmbefalls durch Kopien ersetzt werden.

Etliche 1000 Mark steuerte auch der Trillfinger Kirchenchor unter der Leitung von Karl Müller zur Restaurierung der Orgel bei. Der Chor veranstaltete einige Benefizkonzerte mit Solisten, Instrumentalisten und Chören aus nah und fern. Sehr stark für die Restauration der Orgel eingesetzt habe sich auch Organist und Uhrmacher Matthias Naeschke aus Haigerloch, erzählt Müller.

„Bei der Renovierung hat die Orgel zwar einen Motor bekommen, gleichzeitig wurde sie aber auch mit Handriemen in den Urzustand zurückversetzt. Spielt man sie ohne Motorgebläse, erfolgt die Windversorgung mit zwei Zügen über den originalen Keilbalg“, erklärt Müller.

Karl Müller, war es auch, der 1963 seinem Lehrmeister Rehm den Hinweis auf die Orgel gegeben hatte. Der Orgellehrer und Kirchenmusikdirektor aus Balingen bestätigte damals der Orgel einen völlig unveränderten Originalzustand. Rehms Schätzung nach stammt das Orgelwerk aus den Jahren 1690 bis 1700. Bestätigende Akten fand man bisher aber nicht. Die Kapellenorgel bezeichnete Rehm, bei dem Müller das Orgelspiel erlernte, als Positiv mit angehängtem Pedal. Nur die sechs wichtigsten Tasten sind in Stotzen angefügt. Das Pedal enthält nur die Töne C, F und statt Fis, Gis, die wichtigsten Töne D und E und noch G und A. Meist war wenigstens eine Oktave vorhanden. Er kenne keine historische Orgel in weitem Umkreis außer Trillfingen, in der das originale Kopfpedal noch vorhanden wäre, erklärt Rehm in seiner Beschreibung der Wendelinsorgel. In fast allen alten Orgeln wären um der Spielfähigkeit willen später die Pedale über zwei Oktaven oder gar voll ausgebaut worden. Außerdem seien im Ersten Weltkrieg restlos alle Orgeln – selbst in dem abgelegenen Kirchlein – ihrer echten Prospekt-Zinnpfeifen beraubt worden. Diese wurden in der nachfolgenden armen Inflationszeit durch Zinkblechpfeifen ersetzt. Bei der Restaurierung konnten einige dieser alten Zinkblechpfeifen erhalten werden, viele – auch für den Prospekt – mussten aber durch neue Zinnpfeifen ersetzt werden, erzählt Organist Karl Müller.

Die Königin der Instrumente

Geschichte Orgelbau und Orgelmusik aus Deutschland gehören zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe. Die Orgel ist das Musikinstrument, das sich über Jahrhunderte am stärksten weiterentwickelte. Wissen von Generationen steckt in den historischen Instrumenten, mit starkem Potential auch für die Zukunft.

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