Haigerloch Jüdischen Glaubens für das Vaterland

Die Ausstellung „Vom Schutzjuden zum Rottweiler Bürger“ besuchte der Vorstand des Haigerlocher Synagogenvereins mit dem Vorsitzendem Helmut Opferkuch (rechts).
Die Ausstellung „Vom Schutzjuden zum Rottweiler Bürger“ besuchte der Vorstand des Haigerlocher Synagogenvereins mit dem Vorsitzendem Helmut Opferkuch (rechts). © Foto: Wilfried Selinka
Haigerloch / Von Wilfried Selinka 31.08.2018

Der Gesprächskreis ehemalige Synagoge Haigerloch hält ständige Verbindung mit den verschiedensten Erinnerungs- und Gedenkstätteninitiativen im Land. So war es für den Vorstand eine Selbstverständlichkeit, die vom Rottweiler Synagogenverein im Blick auf 80 Jahre „Brennen der Synagogen“ im Alten Rathaus in Rottweil konzipierte Ausstellung „Vom Schutzjuden zum Rottweiler Bürger; Entstehung – Entwicklung – Vernichtung der zweiten Jüdischen Gemeinde in Rottweil 1798-1938“ anzusehen und sich erläutern zu lassen. Die Verbindung nach Rottweil hatte hierzu die Haigerlocher Schriftführerin und Kulturhistorikerin Margarete Kollmar hergestellt.

Historikerin und zweite Vorsitzende des Rottweiler Vereins, Gisela Roming, führte mit hoher Sachkenntnis durch die auf drei Stockwerken verteilte Ausstellung. So ist das Alte Rathaus selbst Teil der Erinnerungskultur, denn im frühen 19. Jahrhundert suchten die Stadträte mit allen Mitteln, den Zuzug von Juden abzuwehren. Später saßen hier willfährige Vollstrecker der NS-Politik.

Die zweite jüdische Gemeinde in Rottweil entstand im frühen 19. Jahrhundert, nach dem Übergang der Reichsstadt an Württemberg im Jahr 1802. Ungeachtet der politischen Neuordnung überdauerten jedoch alte Strukturen, Denk- und Verhaltensweisen. Die Ausstellung und die Worte von Gisela Roming machten deutlich, welch hohes Gut das Bürgerrecht der Stadt Rottweil für die Juden darstellte. Mit großer Beharrlichkeit verfolgten sie das Ziel, gleichberechtigte Bürger zu werden. Wiederholt wurden Anträge seitens des Magistrats abgewiesen. Es war ein langer Weg – dieser dauerte von der ersten Antragstellung bis zur Anerkennung als gleichberechtigter Stadtbürger oftmals zehn Jahre.

So wurden historische Wegmarken von der Abweisung unerwünschter Konkurrenten über die Entwicklung der wirtschaftlichen Tätigkeit durch anerkannte jüdische Bürger und deren Einbindung in das gesellschaftliche, politische und religiöse Leben innerhalb der Stadt anschaulich dargestellt. Objekte in einer Vitrine vermitteln Spuren jüdischen Lebens. Für die gelungene wirtschaftliche Integration stehen  stellvertretend das Werbeschild und die Bierflaschen der Pfauenbrauerei sowie Kleiderbügel der Firmen Augsburger und Degginger.

Im Obergeschoss des Alten Rathauses sind gegenüber eines Wandgemäldes mit den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zwei sogenannte Ehrentafeln zu sehen. Darauf sind die Namen der Kriegsteilnehmer und Gefallenen aufgeführt, die sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens „für das Vaterland“ eingesetzt haben.

Der im 19. Jahrhundert beharrlich errungenen Gleichberechtigung konnten sich die jüdischen Mitbürger nur wenige Jahrzehnte erfreuen. Ab 1933 erfolgte binnen weniger Jahre ihre erneute Ausgrenzung aus Wirtschaft und Gesellschaft, die in der Auslöschung der jüdischen Gemeinde und der gewaltsamen Zerstörung der Ausstattung ihres Betsaales mündete. Dies wird durch zerbrochenes Mobiliar und des Harmoniums als Symbole für den 9. November 1938 dokumentiert.

Der Haigerlocher Vorsitzende Helmut Opferkuch und Schriftführerin Margarete Kollmar bedankten sich mit einem Buchgeschenk für die informativen Ausführungen zur Geschichte der Rottweiler Juden. Beim anschließenden Cafébesuch versprach die Rottweiler Vorsitzende Johanna Knaus, mit Mitgliedern ihres Vereins der ehemaligen Synagoge in Haigerloch einen Besuch abzustatten.

Nach dem Ausstellungsbesuch ging es für die Haigerlocher noch auf die Plattform des Thyssen-Testturmes.

Zu sehen bis 6. September

Die Ausstellung in Rottweil dauert noch bis zum 6. September und ist während der Öffnungszeiten des Alten Rathauses zu besichtigen. Außerdem wird jeden Donnerstag um 17 Uhr eine öffentliche Führung angeboten.

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