„Singt dem Herrn ein neues Lied“ – mit diesem Satz aus der Bibel ist der Gottesdienst am Sonntag, 2. Mai, in Haigerloch überschrieben. Ein neues Lied? Angenommen, dieses neue Lied steht nicht einfach nur für eine neue Melodie, sondern für einen Ausdruck von Empfinden allgemein… dann habe ich eher das Gefühl, ich singe meinem Herrn – und allen meinen Mitmenschen auch – ein ziemlich ausgeleiertes Lied. Obwohl es ja eigentlich erst 15 Monate jung ist. Ich ertappe nicht nur mich bei den langsam immer ähnlicher klingenden Corona-Plattitüden, die mir Takt und Melodie vorgeben wollen – wie so ein schrecklicher Refrain.
So viele Auftakte werden inzwischen nicht mehr mit so bunten Begriffen wie „sonnenbeglänzt“ eingeleitet, sondern mit Worten wie ‚pandemiebedingt‘. Ich kann es nicht mehr hören! Auch das, was ich selbst sagen und schreiben muss – ich werde mir selbst zum lästigen Ohrwurm.
Eine Studie hat tatsächlich herausgefunden, dass inzwischen weit über 1000 Begriffe in unser Vokabular eingewandert sind, über deren Gebrauch wir vor zwei Jahren noch ziemlich sicher geschmunzelt hätten: Inzidenzen? Inzwischen checken wir den morgens genauso neugierig wie Wetter, Bundesliga oder Spritpreis. Früher hieß es allenfalls mal „Abgesagt wegen Regenwetter“ – heute: „Sorry, aber wir sind über 300.“ Und Mutanten? Die waren ausschließlich was für Filmabende. Und: Wir alle sind Experten im Testen, Lüften und Hamstern geworden, kennen uns mit R-Wert und Aerosolen aus – und sogar meine Oma weiß, dass es Vektor- und mRNA-Impfstoffe gibt… Was FFP2, KN95 und N95 ist weiß auch bald jedes Kind – sofern es irgendwie in diesen 15 Monaten noch Lesen lernen durfte.
Eigentlich lerne ich gerne neue Wörter. Aber diese Vokabeln verdrängen alles! Und wer bitte will damit ein neues – und vor allem ein verd***t noch mal schönes Lied singen? Und überhaupt: Wir dürfen ja eh nicht! Aerosole, inzidenzabhängig und so. Höchstens mit Maske!
Unser ganzes Lebenslied ist inzidenzabhängig geworden. Ob ich es will oder nicht.
Aber: Vielleicht müsste ich mal das ganze Bibelwort zum Sonntag anschauen. Da heißt es „singt dem Herrn ein neues Lied – denn er tut Wunder!“
Ein Wunder wäre gut. Und ich glaub daran. Echt! Ich glaube, Gott kann dieses Wunder in mir schaffen. Dieses Wunder, jetzt erst recht ein neues Lied zu singen. Ein Lied, das für mehr steht als eine neuartige Melodie, sondern dafür, wie ich in diesen Tagen den Menschen und mir selber begegne.
Gott kann dieses Wunder in mir und uns schaffen – dass wir dieses neue Lebenslied ganz bewusst und laut, fröhlich, liebevoll und mutig singen können. Gerade jetzt. Ein Lied, dass das sich mehr denn je nach Begegnung und Besserung sehnt. Dass auch trotzig fröhlich auf dem Weg zum Testcenter, zum Impftermin oder notfalls am Telefon gesummt werden kann. Das Lied, dessen Refrain ungefähr so lauten könnte: Selbst wenn noch so vieles inzidenzabhängig oder pandemiebedingt bleibt – wir selber sind es nicht!

Gottesdienst findet vor der Kirche statt

Der evangelische Gottesdienst am 2. Mai in Haigerloch findet draußen vor der Abendmahlkirche statt. Anmeldungen für diese Gottesdienste sind entweder vor Ort möglich, oder online unter: haigerloch-evangelisch.de. Bei sehr schlechtem Wetter fallen die Gottesdienste aus. Auch im Freien sind entsprechenden Mund-Nase-Bedeckungen zu tragen.

Gedanken zur Zeit: Jeden Samstag in der HZ

Die gehaltvolle und viel gelesene Rubrik „Gedanken zur Zeit“ von Pfarrer Oliver Saia, Haigerloch, erscheint jeden Samstag in der Hohenzollerischen Zeitung. Durch den Feiertag, 1. Mai, erscheint diese Folge auf www.swp.de.