Tradition Freibier am Haigerlocher Handwerkerjahrtag gestrichen

Stolze Tradition seit 149 Jahren: In Haigerloch fand am Kirbemontag der Handwerkerjahrtag statt.
Stolze Tradition seit 149 Jahren: In Haigerloch fand am Kirbemontag der Handwerkerjahrtag statt. © Foto: Andrea Spatzal
Haigerloch / Andrea Spatzal 17.10.2017

Wie gemalt war das Wetter am Kirbemontag, als sich die Türen der St.-Anna-Kirche öffneten und die ehrsamen Handwerker, angeführt von den Trägern der Zunftfahne und der Zunftlade und dem stattlichen Handwerkerorchester unter Dirigent Charly Gaus, auf die Straße traten. Mit zirka 60 Teilnehmern war der 149. Handwerkerjahrtag dieses Jahr sehr gut besucht. Den traditionellen Dankgottesdienst hatte Pater Superior Albert Schrenk vom Missionshaus der Weißen Väter zelebriert.

Im Zunftlokal „Krone“ begrüßte Zunftmeister Dietmar Eger die Anwesenden, insbesondere die Delegation der befreundeten Zunft aus Mengen mit Zunftmeister Joachim Schwarz sowie Bürgermeister Heinrich Götz, Heidi Goller von der Handwerkskammer Reutlingen, Jürgen Gress, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Zollern-Alb, und die Vertreter von Sparkasse und Volksbank. Kreishandwerksmeister August Wannenmacher war verhindert, ließ aber beste Grüße ausrichten.

Der Zunftmeister freute sich über die gute Resonanz und „einige neue Gesichter“. Auch verstärkten zwei neue Musiker das Handwerkerorchester. Rückblickend auf den Gottesdienst erwähnte Eger, dass die Weißen Väter ihren Stammsitz 2018 verlassen. „Damit bricht wieder ein Stück Haigerloch weg“, bedauerte er.

Seit Montag gehört übrigens noch ein Stück alter Tradition der Vergangenheit an: Seit der Insolvenz der Schlossbrauerei hatte die Stadt Haigerloch die Zeche für einen Umtrunk  am Handwerkerjahrtag übernommen. Aber diesmal musste Bürgermeister Götz den Anwesenden mitteilen, dass der harte Sparkurs des Gemeinderates derlei Ausgaben nicht mehr erlaube. In der Hauptsatzung seien Freigiebigkeitsleistungen auf 100 Euro reduziert worden. Nur die könne er beisteuern, „so leid es mir tut“, bedauerte der Bürgermeister.

Noch einen Rumpler gab es kurz danach: In seinem Grußwort hatte  Götz die Handwerker und deren Verbände aufgefordert, „auf die Jugend zuzugehen und für eine Ausbildung im Handwerk zu werben“. „Das tun wir“, konterte Jürgen Gress, „und zwar unter anderem bei der Bildungsmesse ,Visionen’, in die wir enorm viel Zeit und Geld investieren, der aber die Schulen in Haigerloch seit Jahren ihre Teilnahme verweigern“. Des weiteren stellte der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft fest, dass das Handwerk in den vergangenen Jahren ein Drittel seiner Kapazität abgebaut habe. „Es fehlen Unternehmer, es fehlt der Nachwuchs“, so Gress. Aber es zeichne sich „eine kleine Trendwende“ ab. Zu kämpfen hätten Handwerksbetriebe mit der immer weiter ausufernden Bürokratie.

Heidi Goller von der HK Reutlingen übermittelte die Grüße des HK-Präsidenten Harald Herrmann und Hauptgeschäftsführer Joachim Eisert. Im Handwerk gebe es derzeit „kaum Grund zur Klage“, stellte Goller fest. Laut aktueller Umfrage waren drei Viertel der Betriebe im Kammerbezirk im Sommer zufrieden mit der Geschäftslage, gehen 80 Prozent davon aus, dass diese positive Situation auch die nächsten Monate anhält. Die Zahl der Meisterprüfungen sei erfreulich hoch.  Im November findet in Balingen die Lossprechung von 317 Jungmeistern statt. Erfreulich seien auch die Zahlen auf dem Lehrstellenmarkt. Die HK Reutlingen habe im September 1937 Ausbildungsverträge verzeichnet – ein Plus von drei Prozent gegenüber 2016. Der Zuwachs im Zollernalbkreis sei mit 405 Ausbildungsverträgen gegenüber 376 im Vorjahr noch deutlicher. „Aber es blieben wieder Lehrstellen unbesetzt“, bedauerte Goller. Die Politik sollte eine Trendwende herbeiführen, um den „Akademisierungswahn“ zu bremsen. Das Handwerk sei „ein starker Wirtschaftsfaktor und sollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.“ Eine Ausbildung im Handwerk sei „keine Ausbildung zweiter Wahl“, sondern ein Tor „zu vielen Karrierewegen, bis hin zur Selbstständigkeit“. An viele der anwesenden Meister und Meisterinnen übergab Heidi Goller anschließend den Altmeisterdank. Auch gedachte die Versammlung der Verstorbenen der vergangenen zehn Jahre, bevor Kassier Ulrich Burkhart die Finanzen offenlegte. Die bewegten sich wegen der Fahrt zu den Heimattagen in Mengen leicht im Minus, aber wie Zunftmeister Eger und sein Mengener Kollege Joachim Schwarz betonten, war diese Begegnung und gemeinsame Mitwirkung im großen Festumzug ein einmaliges Erlebnis und zugleich eine ausgezeichnete Präsentation des Handwerks. Am Nachmittag besuchten die Handwerker die Firma Gutbrod in Bodelshausen.

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Handwerker haben anno 1868 den Stiftungsbrief der Ehrsamen Handwerkerzunft  unterzeichnet. Seitdem wird jedes Jahr am Kirbemontag der Handwerkerjahrtag begangen.

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