Eine gelungene Premiere erlebte am Abend des Auseligen Donnerstags das närrische Haigerloch. Erstmals fand das traditionelle Fasnetausrufen und Schultesabsetzen der Narrenzunft Haigerloch zwar bei Schneetreiben mitten auf dem Marktplatz, jedoch gänzlich ohne Publikum statt. Die Zeremonie ist in einem Video auf der Facebook-Seite der NZ Haigerloch (https://de-de.facebook.com/narrenzunfthaigerloch) jederzeit abrufbar. Die Aufnahmeleitung für das Video hatten Tiziana D’Ulisse und Andreas Graf.
Den Auftakt macht Bräutelbub Maik Halm in voller Montur vor dem Marktplatzbrunnen, umweht von Schneeflocken, der würdevoll die Worte auf der Pergamentrolle verliest und dem närrischen Volk kundtut, dass in Haigerloch die Fasnet angebrochen ist.
Es folgt der feierliche Eid des Bürgermeisters Heinrich Götz auf die Masken der Haigerlocher Zunft, sich bis zum Aschermittwoch „aller Narrheiten, die auf dem Rathaus Gewohnheit sind, zu enthalten“.
Als Zeichen der Narrengewalt ist auf dem Marktplatz ein kleiner Narrenbaum mit einem – in diesem Jahr traurig dreinblickenden – Haigerlocher Grombieradrucker aufgestellt.
Die gereimte Rede der neuen Machthaber im Städtle trugen die drei Vorstandsmitglieder der Narrenzunft, Myrem Nesch, Timo Haser und Frank Graf, im Wechsel vor.
Zuerst stellt das Trio erst einmal klar, dass die Quelle des gefährlichen Virus „koi Haigerlocher Fledermaus“ war. Dann stimmen sie ein Klagelied an über die verwehrte Geselligkeit, die verkehrte Welt, den Lockdown und die allgemeine Maskenpflicht: „Maska hemmer uff des ganze Johr, Friseur hend zua und mir z’viel Hohr“, deklamiert Myrem Nesch und greift sich in die wahrlich verschwenderisch üppige Haarpracht.
Eine Lösung für die Misere hat die Narrenzunft allerdings auch parat: „Aus onserem Zunfthaus wird an närrischer Staat und mir wohnet alle zamma dort, doch den Virus, den schick mer fort.“ Bei der Verpflegung in der Quarantäne rechnen die Narren fest mit den heimischen Gastronomen: „’s Cali, d’ Krona und ’s Alibaba bringet Essa und Trinka und, wenn’s sei muss, Kaba.“
So friedlich bleibt’s freilich nicht, denn eine Narrenrede sollte ja gesalzen sein und nicht mit Kritik an den Rathausoberen sparen. Also auf geht’s: „Trotz allem, was in der Welt passiert, wird in Haigerloch gebaut ganz ungeniert. Ond des au noch glei im Superlativ, da waret die Bauherra recht kreativ! Da teuerschta, kürzeschte Radweg der Welt hend se grad da bei ons naagstellt. Der goht vom Zöhrlaut bis zur Brück, grad mal paar hundert Meter lang isch des Stück.“
Ja, und was man nicht hätte alles anstellen können mit dem vielen, vielen Geld. Auch da haben die Narren natürlich eine glänzende Idee: „Die Kosta waret so hoch und so viel, da het ma a Seilbahn baua kenne mit ganz viel Stil. Vom Zunfthaus nauf bis nach St. Anna könnte man die Seile spanna“. Das wäre freilich zugleich eine schöne Perspektive für alle zukünftigen Fasneten: „Dann müsstet mir Narra nemme ’s Städtle nauf schnaufa, dädet ganz entspannt in d’r Krona eilaufa.“
Mit dem Zweizeiler „Mir alle fühlet großa Schmerz, doch Fasnet lebt in onserm Herz“ beenden Nesch, Graf und Haser ihre Narrenrede und der entmachtete Bürgermeister bekommt nun seinerseits Gelegenheit auszuteilen.
Heinrich Götz reibt sich die Hände, denn jetzt will er sehen, wie die, die immer alles besser wissen, es anpacken: „Ich freu mich drauf, wenn ihr uns zeigt, wie’s gut und günstig geht, und dass ihr das nicht arg vergeigt, was in der Vorschrift steht.“ Man weiß es ja: Rechtssicherheit war in der aktuellen Legislaturperiode ein Dauerthema: vom Sporthallenboden bis zur Brunnentiefe, vom Fußweggeländer bis zur Fasnetsbändelhöhe. „Genormt, geprüft und abgenommen, da kommt ihr nicht drum rum, nur mit Farb’ und Pinsel kommen, das wär‘ drum ziemlich dumm“, zählt Götz mal auf, worauf so alles zu achten ist. Der Schultes gibt das Zepter offenbar gerne eine Weile ab: „Jetzt habt ihr’s in der Hand, drum setzt doch das, was euch so stört, grad selbst blitzschnell instand“, lautet sein Appell. Ob es nun der Zaun ist, der auf Kritik stößt, oder der „Riesenweg, zum Schloss hinauf“. Der sei doch schnell zu richten, feixt der Bürgermeister, „sind ja nur ein paar Steine drauf, die es gilt, fix umzuschichten“.
Einen Seitenhieb gibt’s noch auf den neuen Haigerlocher Ortschaftsrat und Ortsvorsteher Michael A. C. Ashcroft: „Der Baumbestand am Friedhof da, da liegt der Hund begraben. Der Ortschaftsrat, der jammert sehr, wurd‘ er doch nicht gehört, drum schimpft er einfach hinterher, und ist massiv empört. Empörung jedoch ändert wenig, was zählt, das ist die Tat, sonst reicht’s zwar zum Artikelkönig, nicht aber fürs Mandat.“
Und auch auf die Corona-Krise hat sich Heinrich Götz einen Reim gemacht: „Derweil wir warten und wir hoffen, und wir kämpfen, Tag für Tag, zeigt man sich oben kaum betroffen, man hält uns bald für eine Plag.“ Deshalb lautet sein Appell an die neuen Machthaber im Rathaus: „So bitt ich euch, wenn’s irgend geht, kümmert euch auch um die, weil keiner was davon versteht, von dieser Pandemie. Solange die Diäten fließen, solang geht nix voran, und wir, wir müssen‘s büßen, ja wir, der kleine Mann.“
Was sonst noch blinkt, blitzt und blendet im Narrenspiegel ist im „Städtlesruschter“ nachzulesen. Außerdem lädt die Haigerlocher Narrenzunft zu weiteren Narreteien ein: So ist jeder Narr dazu eingeladen, „am Fasnetsmontag im Häs spazieren zu gehen, als Fledermaus einzukaufen, als Rottweiler im Homeoffice zu schwitzen und als Bischöfle im Online-Meeting närrisch zu sein“.
Und am Fasnetsdienstag wird abermals ein Film ins Netz gestellt, diesmal vom traditionellen Fasnetverbrennen, zu sehen ab 18 Uhr auf Facebook und Instagram.