Die Kirchenglocken verklangen noch, als Conny Reese die Tasten ihres E-Pianos zum ersten Mal anstieß. Fast ganz voll besetzt waren die Bänke der Haigerlocher Abendmahlkirche, doch ahnten wohl wenige unter den Zuschauern, welch vielseitiger, äußerst kreativ gestalteter und tiefgründiger Abend sie erwartete.

Der Klang der Stille

Nach dem bewegten, instrumentalen Intro betraten Hans-Paul und Klaus Möller die Bühne vor dem Altar. Auf Englisch und Deutsch trugen sie ein Sonett von Shakespeare vor, ehe sie mit den anderen Akteuren des Abends, Gerlinde Hirsch, Christel Tandoh-Wien und Karl Gölz,  „Go crystal tears“ von John Dowland anstimmten.

Auch im weiteren Verlauf des Abends wechselten sich zumeist Text und Musik ab. Auf eine Lesung aus dem Buch Deuteronomium, bei der hektisch unter anderem deutscher, englischer und hebräischer Text durcheinander gesprochen wurde, folgte das ruhige „The Sound of Silence“ des Folk-Duos Simon & Garfunkel.

Einen wahren Gänsehautmoment schuf Hans-Paul Möller mit seiner Interpretation eines weiteren Stückes von John Dowland. Anstatt besinnlicher Lautenmusik, als solche der Komponist das Lied geschrieben hat, bekamen die Zuhörer die ganze raumfüllende Stimmgewalt Möllers zu hören. „Oh let me living die, till death doth come“, sang er höchst dramatisch und variierte dabei zwischen lauten und leisen Extremen.

Nachdem im folgenden Hohelied der Titel des Konzertes aufgetaucht war, war es Zeit für etwas leichtere Unterhaltung. Zwischen den schwungvollen Kehrversen der anderen Sänger auf „Noah found grace in the eyes of the Lord“ erzählte Möller in ironischem Sprechgesang die Bibelgeschichte nach. Das Spiritual war nach den nachdenklichen, eindrucksvollen Auftritten der erste Moment für das Publikum, lauten Applaus zu spenden.

„Hallelujah“ von der Empore

Von der Empore wurde Leonard Cohens jedem bekanntes „Hallelujah“ gesungen. Von der Liebe, die in jedem Stein, gar in jeder Mücke gegenwärtig sei, handelte das Gedicht „Eins und Alles“ von Christian Morgenstern und schließlich sangen alle wieder gemeinsam das Stück „Übers Meer“ von Rio Reiser.

Rosen für die Akteure

Ein umbrisches Volkslied über Franziskus sowie Texte aus der Feder von Hesse, Hölderlin, Nelly Sachs und Halina Poswiatowska („Man kann die Liebe nicht töten“) regten abermals zum Nachdenken an, während sich musikalische Beiträge von Matt Maher, Gerhard Gundermann, Mahalia Jackson und noch einmal Cohen in komplett verschiedenen Stimmungen mit den Themen Glaube, Liebe und Tod beschäftigten. Der letzte Song, „The Rose“ von Bette Midler, machte zum Ende all denen Mut, die glauben, Liebe sei „only for the lucky and the strong“.

Als Margarete Braun von der Kirchengemeinde zum Dank Rosen überreicht hatte, ließen die begeisterten Gäste die Sänger dann nicht gehen, ohne dass sie „The Rose“ noch einmal zum Besten gaben.

Zustande gekommen war das Konzert nach der Idee von Hans-Paul Möller. Im eingespielten Team mit seinem Bruder Klaus, der für die Textauswahl verantwortlich war, und den befreundeten Sängern aus seinen Chören sei in einem Vierteljahr das Konzert vorbereitet worden. Die Spendeneinnahmen kommen der Kirchendachsanierung zugute.