HELMUT GABELI  Uhr
Am 22. August findet um 17.30 Uhr auf dem Gelände des Nordbahnhofs in Stuttgart eine Veranstaltung statt, um der Juden zu gedenken, die von dort aus vor 70 Jahren nach Theresienstadt deportiert wurden.

Von der "Judenfrage" zur "Endlösung der Judenfrage". Am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Den Wehrmachtstruppen folgten "Einsatzgruppen", die auf Befehl Heydrichs methodisch und schrittweise die "Endlösung der Judenfrage" vorbereiteten. Die Juden wurden in Ghettos zusammengetrieben. Es kam zu vielfachen Massenerschießungen. Von Anfang an war geplant, die polnischen Juden in den Osten zu deportieren. Im Februar und März 1940 wurden erstmals Juden aus dem "Altreichsgebiet" deportiert: 1200 Juden aus Stettin und 600 Juden aus Schneidemühl. Diese ersten Deportationen waren regional begrenzt und blieben vorerst ohne Nachfolge. Die Deportation von rund 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland am 22. Oktober 1940 nach Gurs in Südfrankreich war ein Sonderfall, den die Gauleiter von Baden und Saarpfalz, die in Personalunion zugleich die Gauleiter von Elsass und von Lothringen waren, eigenmächtig und willkürlich in vorauseilendem Gehorsam durchführten. Der kriegerische Überfall auf die Sowjetunion am 21. Juni 1941 öffnete das Tor zu einem infernalischen Ende, das jegliches menschliche Denken bis dahin überstieg. Die NS-Politik war von der "Judenfrage" über die "Lösung der Judenfrage" bei der so genannten "Endlösung der Judenfrage" angelangt. 1941 war das Schlüsseljahr für die gesamte Vernichtungspolitik gegen die Juden. Im Oktober 1941 setzten die Deportationen aus dem Reichsgebiet ein.

Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 diente nicht, wie oft angenommen wird, dem Beschluss der Massentötung der Juden, sondern der Koordinierung bereits erfolgter und der Planung zukünftiger Maßnahmen. Der Auftrag zur Ermordung wurde bereits am 31. Juli 1941 schriftlich von Göring an Heydrich erteilt: "Ich beauftrage Sie...], mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen."

Deportationen 1941 und 1942. Die Verschleppung der Juden aus dem Deutschen Reich wurde zur "Geheimen Reichssache" erklärt und im Stil einer gigantisch angelegten Polizeiaktion durchgeführt. Zuständig für die Durchführung in Württemberg und in Hohenzollern war die Geheime Staatspolizei. Für Württemberg und Hohenzollern war die Staatspolizeileitstelle Stuttgart zuständig. Am 1. Dezember 1941 verließ eine erste große Deportation den Stuttgarter Nordbahnhof. Sie führte etwa 1050 Juden in die Lager bei Riga und in das dortige Ghetto. Nur 43 Menschen überlebten. Am 26. April 1942 ging vom gleichen Ort ein Transport mit rund 350 Juden ab. Die Menschen wurden nach Izbica (bei Lublin in Polen) verschleppt und niemand überlebte.

Am 22. August 1942 ging der größte Deportationszug aus Stuttgart mit dem Ziel Theresienstadt ab. Er umfasste rund 1100 überwiegend ältere Juden aus Württemberg, Hohenzollern, und zu einem geringen Teil auch aus anderen Gebieten. Das Protokoll der Wannsee-Konferenz bezeichnete Theresienstadt als Altersghetto. Juden im Alter von über 65 Jahren sollten nicht in den Osten deportiert werden, sondern in Theresienstadt verbleiben können. Sie wurden durch so genannte "Heimeinkaufverträge" noch in Sicherheit gewogen, sich auf Lebenszeit eine angemessene Unterkunft und Verpflegung erkaufen zu können. Die Finanzierung der künftigen Gemeinschaftsunterbringung der so genannten "Abwanderer" wurde der Reichsvereinigung der Juden übertragen. Die erforderlichen Mittel hatten die Deportierten aufzubringen, sofern sie dazu in der Lage waren (flüssiges Vermögen ab 1000 Reichsmark). Vermögende wurden verpflichtet, zwangsweise Spenden zugunsten Hilfsbedürftiger zu tätigen. Die Deportierten hatten einen Barbetrag für die Zugfahrt vom Heimatort nach Stuttgart bereitzuhalten. Die Mitnahme eines Geldbetrags von 50 Reichsmark war erlaubt. Gepäck durfte im gleichen Umfang wie bei den früheren Deportationen mitgenommen werden: Erlaubt war nur ein kleines Handgepäck, Wertpapiere und Wertgegenstände waren von der Mitnahme strikt ausgeschlossen. Werkzeuge, technische Geräte und sperrige Güter waren nicht zugelassen. Auch rezeptpflichtige Arzneimittel waren nicht erlaubt. Die Deportierten wurden bitter getäuscht. Die Heimeinkaufverträge erwiesen sich nur als Mittel, an das Vermögen der Juden zu kommen. In der rund 60 Kilometer von Prag entfernten Kleinstadt, die von den tschechischen Einwohnern freigemacht worden war, wurden zeitweise bis zu 80000 Juden zusammengepfercht. Die alten Menschen wurden in ehemaligen Kasernen und Kasematten untergebracht und starben schon wenige Tage oder Wochen nach ihrer Ankunft in Theresienstadt an Raumnot, Schmutz und mangelhafter Ernährung. Für viele der Deportierten ging bereits in kürzester Zeit der Transport weiter in die Vernichtungslager, hauptsächlich nach Treblinka. Sie wurden zu Tausenden in Auschwitz, Maly Trostinetz, Treblinka und anderen Lagern durch Gas ermordet. 318 Personen überlebten diesen Transport.

Ab Ende des Jahres 1942 änderten sich die Verhältnisse im Lager etwas zum Besseren. Reparaturwerkstätten für Kleider, Schuhe und Gebrauchsgegenstände wurden eingerichtet. Die Räume erhielten Bettgestelle. Die Kapazität des Wasserwerkes wurde dem tatsächlichen Bedarf angepasst. Ein Fernheizwerk entstand, dem auch drei Großküchen angeschlossen waren. Die ärztliche Versorgung verbesserte sich. Epidemisch auftretende Krankheiten gingen zurück. Die Lagerleitung ließ Medikamente und Impfstoffe bereitstellen. Gespenstisch mutet angesichts der immer noch lebensbedrohlichen Verhältnisse das von der SS erlaubte, zeitweilig gar geförderte "kulturelle Leben" im Lager an. Theater- und Opernaufführungen, Konzerte, Vorträge, eine "Ghettozentralbibliothek Theresienstadt" mit annähernd 50000 aus jüdischem Besitz beschlagnahmten Büchern machten Theresienstadt nach außen zu einem "Renommierlager", das vor allem im Ausland den Berichten von den Massenvernichtungen entgegenwirken sollte. Selbst die Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes fielen auf die Täuschung herein.

Die Deportation aus Haigerloch. Bereits am 19. August 1942 begann die zahlenmäßig größte Deportation aus Haigerloch. 137 Männer und Frauen in vorgerücktem Alter wurden nach Stuttgart in das Sammellager auf dem Killesberg verbracht. 104 Menschen waren 1941 und 1942 zwangsweise aus anderen Städten und Gemeinden Württembergs, zumeist aus Heilbronn und Stuttgart, nach Haigerloch umgesiedelt worden. Hier lebten sie bis zu ihrer Deportation in äußerst beengten Verhältnissen. 33 gebürtige Haigerlocher Juden, ihre Ehegatten, Witwen und Menschen, die aus freien Stücken nach Haigerloch gezogen waren, zählten ebenso zu den Deportierten. Ab dem 15. August 1942 durften die Juden ihre Wohnungen nicht mehr verlassen und hatten sich für den Abtransport bereitzuhalten.

An drei Zügen der Hohenzollerischen Landesbahn wurden Waggons angehängt, die in Eyach an die Reichsbahn angekoppelt wurden, mit denen der Abtransport über Tübingen nach Stuttgart erfolgte: Um 6.41 Uhr (Personenzahl zirka 50), um 12.07 Uhr (Personenzahl rund 50) und um 15.19 Uhr (Personenzahl etwa 40) verließen die Züge den Bahnhof in Haigerloch, um 10.14 Uhr, um 18.21 Uhr und um 21.37 Uhr trafen die Züge mit den Deportierten in Stuttgart ein. Die Schreiberin der Ortschronik von Haigerloch, die 1941/1942 bei den Leibesvisitationen der Deportierten mitgewirkt hat, notiert unter dem 19. August 1942: "Der heutige Tag ist für die Geschichte unserer Stadt von großer Bedeutung: Heute sind die letzten Juden ausgezogen: 136 Juden mussten die Stadt verlassen. Wie man hört, sollen sie im Osten angesiedelt werden. Haigerloch, das im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl die meisten Juden in Deutschland aufwies, ist heute ,judenfrei geworden. Möge dieser Tag unserem Städtchen keinen Fluch bringen!"

Der letzte Satz der Chronistin lässt stutzen. Plagten sie am 19. August 1942 etwa Skrupel? Es erweist sich aber schnell, dass die Chronistin mit Schere, Leim und Radierer den ursprünglichen Text den veränderten Verhältnissen der Nachkriegszeit angepasst hatte. Die Eintragung ist zudem auch sachlich nicht richtig: Nicht 136, sondern 137 Juden wurden an diesem Tag nach Theresienstadt deportiert. Auch nach dem 19. August lebte noch für mehrere Monate eine Jüdin in Haigerloch. Lolo Loeb übersiedelte am 21. November mit ortspolizeilicher Erlaubnis des Bürgermeisters nach Buttenhausen. Von dort wurde sie allerdings am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die Gründe für ihr Verbleiben in Haigerloch über den 19. August hinaus sind unbekannt. Nicht erwähnt hat die Chronistin, dass Luise Schwab, geb. Lion, die seit 1916 in Haigerloch verheiratet war und hier später als Witwe lebte, sich im Wissen um die bevorstehende Deportation drei Tage vorher, am 16. August 1942, das Leben genommen hat. Ihr Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof in Haigerloch.

Unbekannt ist, wie die jüdischen Frauen und Männer selbst ihre Deportation empfunden haben. Eine Zeitzeugin hat mehrfach berichtet, dass viele der jüdischen Einwohner sich von ihren christlichen Bekannten verabschiedet haben. Es waren Abschiede, bei denen die Tränen ungehemmt flossen, und man wohl stillschweigend davon ausging, dass es kein Wiedersehen geben würde. Auch auf dem Weg zum Bahnhof haben viele Menschen geweint, als ob sie ahnten, dass es ein Weg ohne Rückkehr ist. Andererseits haben manche Juden wohl auch eine Rückkehr nicht ausgeschlossen. Wie anders wäre es zu erklären, dass jüdische Habe christlichen Bekannten zur Aufbewahrung übergeben wurde und später tatsächlich auch den Erben selbstverständlich zurückgegeben worden ist? Auch bei vielen der nach Theresienstadt Deportierten gab es die Hoffnung, in dem "Altersghetto" überleben zu können. Eine bedeutende Rolle spielten dabei die "Heimeinkaufverträge", zu deren Abschluss die Juden gezwungen wurden. Nachweislich war zumindest Sigmund Hohenemser ein solcher "Heimeinkaufvertrag" aufgezwungen worden. Er zahlte einen Betrag von 6510,50 Reichsmark auf das "Sonderkonto H" der Reichsvereinigung der Juden bei einer Berliner Bank. Nach dem Krieg erhielten seine Söhne Manfred und Jacob diesen Betrag umgerechnet in Mark zurückerstattet.

Von den 33 jüdischen Frauen und Männern, die nach Theresienstadt deportiert wurden, sind nur Jette Levi und Auguste Levi, geb. Löwenstein, nach dem Weltkrieg in Theresienstadt befreit worden. Auguste Levi starb kurz nach der Befreiung noch in Theresienstadt. Jette Levi kam am 8. August 1945 nach Haigerloch zurück. Im Mai 1949 zog sie in ein jüdisches Altersheim nach Würzburg.