Zur Gedenkfeier, zu der der Verein Gesprächskreis Ehemalige Synagoge Haigerloch, hieß Vorsitzender Klaus Schubert die Gäste, darunter Bürgermeister Heinrich Götz und Altbürgermeister Roland Trojan, willkommen. Schubert bezeichnete den 9. November dieses Jahres als besonderen Gedenktag durch den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und dem 150 Jahrestag, in dem die jüdischen Gemeinden ihre rechtliche Gleichstellung würdigen. Der Synagogenverein wolle in diesem Jahr weniger durch einen Vortrag informieren, sondern durch die Lesung "Der Mantel der Geschichte" des Kurses Literatur und Theater des Gymnasiums Haigerloch unter der Leitung von Kerstin Gotthardt zum Nachdenken anregen.

Haken und Bügel hingen von der Decke und an der Empore der ehemaligen Synagoge hingen schwarze, helle und rote Mäntel. Die Requisiten waren Symbole des grauenvollen Geschehnisse vom 9. auf den 10. November 1938. Lisa Fechter, Felix Kern, Sophie Pflumm, Christian Strobel und Marie Waiblinger fragten: "Wer trägt den Mantel der Geschichte? Wie sieht er aus? Wo begegnet er uns?" Sie unterschieden zwischen dem Mantel der Könige und Herrscher, der ein Symbol für Kraft und Schutz, Macht und Glück sei, oder dem Mantel der Gottesmutter und des barmherzigen Martin und dem "hässlichsten Mantel der Geschichte", dem "Ulser" genannten Mantel der SA- und Gestapo-Mitarbeiter und der Polizisten, die sich, als die Synagogen brannten, weg drehten und der Gewalt ihren Lauf ließen.

Die Gymnasiasten verlasen Augenzeugenberichte und Erinnerungen an die Judenverfolgung in Berlin. So hat ein Ulser-Träger die Bänke auf dem Chor der Synagoge zerstört und dabei seinen Mantel beschädigt, wofür er bei der NSDAP auch eine Entschädigung einforderte.

Es folgte der "Mantel der Stigmatisierung: Ab 1941 hatten alle Juden die Pflicht, an ihrem Mantel einen handtellergroßen, sechszackigen, gelben Stern zu tragen. So wurde ein bei der Reichsvereinigung angestelltes Mädchen von 19 Jahren bei einem Besuch von Gestapobeamten nur mit einem lose angesteckten Stern am Mantel angetroffen. Die Folge davon: Abtransport ins Sammellager, anschließend ins Konzentrationslager, ohne dass sie ihre Mutter noch einmal sehen durfte. Von dort war sie nie mehr zurückgekehrt.

Als die Naziherrschaft beendet war, folgte der "Mantel des Schweigens", der lange Zeit nicht nur die Schuld der Täter, sondern auch das Leid der Opfer zudeckte. Auch in Filmen, wie in "Schindlers Liste" spielen Mäntel eine Rolle. Es geht dabei um ein Kind in einem roten Mantel. Das Mädchen überlebt das Krakauer Ghetto und lernt als Erwachsene durch den Film 1994, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Schließlich ging es noch um den "Mantel der Trauer": Dabei wird nach jüdischem Glauben bei einem Todesfall ein Schnitt in den Mantel der Angehörigen gemacht, der den Riss im Herzen symbolisiert.

Nach der Lesung folgte lange Stille, Nachdenken und Überdenken des Gehörten. Dann erst folgte langer und anerkennender Beifall für die Vortragenden und die besondere Art der Gedenkveranstaltung.