Der Weg zum Verkehrsübungsplatz am Sportheim in Stetten ist verbarrikadiert. Schon von weitem sieht man Zelte, Autos, viele Menschen. die Feuerwehr, die Polizei und auch das Rote Kreuz sind zur Stelle. Es dröhnt, scheppert, kracht und klirrt. Man ahnt das Schlimmste.

Aber mitten in der Menschenmenge steht lachend und im blütenweißen Hemd Matthias Deppert. Der Haigerlocher Gemeinderat ist Herr des Geschehens. Der 45-Jährige ist seit 18 Jahren als Kfz-Sachverständiger für die Württembergische Versicherung  tätig und organisiert in dieser Eigenschaft seit gut fünf Jahren in Stetten Crashtest-Tage, die in ganz Deutschland ihresgleichen suchen. „Mein früherer Chef hat mir diese Aufgabe in die Wiege gelegt“, erklärt Deppert. Ganz klein mit nur etwa 20 Teilnehmern sei die erste Veranstaltung gewesen.

Beim zweiten Mal vor zwei Jahren waren es schon 100. Diesmal, bei der dritten Auflage, die am Mittwoch und Donnerstag in Stetten stattfindet, ist die Teilnehmerzahl auf 130 angewachsen. Die Sachverständigen von Kfz-Versicherungen, Sachbearbeiter und Schadensregulierer kommen aus ganz Deutschland nach Stetten, um ihr Auge zu schulen. Hinterlässt ein Kinderfahrrad tatsächlich eine einen Meter lange Kratzspur? Wie sieht ein Auto aus, nachdem es von einem Traktor gerammt wurde, wie ein Kleinwagen, wenn er einer dicken Limousine in die Quere gekommen ist? Nach den Crashtest-Tagen in Stetten sehen alle klarer.

Für reichlich Anschauungsmaterial hat Matthias Deppert natürlich wieder gesorgt. 35 schrottreife Autos sowie weitere Fahrzeuge (Motorroller, Motorrad, Anhänger) hat er in den vergangenen sechs Monaten mit einem ihm zur Verfügung gestellten Budget zusammengekauft. Die werden jetzt mit Dachziegeln und Hämmern traktiert, angefahren, präpariert, manipuliert, als Rammbock benutzt und auch komplett zerstört.

Was von der Materialschlacht übrig bleibt, bekommt die Feuerwehr zu Übungszwecken. Die Abteilungen Haigerloch und Stetten freuten sich am Mittwochabend über die „Leckerbissen“. „Solche Übungsobjekte sind sehr lehrreich für uns“, sagt Stettens Vizekommandant Matthias Klingel. Neben ihm stehen „Helfer vor Ort“-Leiterin Christiane Teller und Vize-Bereitschaftsleiter Dominik Müller vom DRK Haigerloch, die zuverlässig über die Unversehrtheit der Crashtest-Teilnehmer wachen.

Einen Meter von ihnen entfernt heult alle drei Minuten der Motor eines Rennwagens auf. Karl-Heinz Wendland sitzt am Steuer und strahlt mit der Somme um die Wette. Dem Chef der in der Szene hochgelobten und bekannten Autotuner der Wendland Motortechnik GmbH aus  Rangendingen bereiten die Rennen mit enormer Beschleunigung auf 100 Sachen einen Riesenspaß. Seine Beifahrer, gut verpackt in Helm und Gurt, sind allerdings etwas blass um die Nase, wenn sie aussteigen.

Aber auch diese Erfahrung gehört zum Gesamtpaket dazu, das Matthias Deppert für seine Kollegen geschnürt hat. Der organisatorische Aufwand für die Crashtest-Tage sei enorm hoch sagt er, aber die durchweg positive Resonanz bestätige und motiviere ihn. „Wenn man das gesehen hat, kann man Schadensfälle bewusster und aufmerksamer beurteilen, den Schaden schneller und sicherer regulieren, Betrug und Manipulation leichter entlarven“, erklärt Deppert. Davon profitierten nicht nur Kfz-Versicherungen, sondern vor allem auch die Kunden.

Einen Parcours mit acht Stationen durchlaufen die Teilnehmer, die in Hotels und Pensionen in und rund um Haigerloch untergebracht sind. Es werden Kleinunfälle, wie der berühmte Parkrempler, und allgemeine Haftpflichtschäden, zum Beispiel von Kinderhand verursachte Kratzer oder Dellen im Lack, simuliert und besprochen. Weitere Infos liefern Vertreter von Autoglasreparaturwerkstätten und vom Hagelschadenzentrum Ulm.