Haigerloch / Andrea Spatzal  Uhr
Nicht nur in Bad Imnau leiden Menschen und unter einem rätselhaften Brummton. Das Phänomen ist weit verbreitet. Die Ursachenforschung hinkt hinterher.

Wenn es wieder mal ganz schlimm wird, fährt Jürgen Hodler mitten in der Nacht auf den Zitterhof hoch oben auf dem Stich über Bisingen. Manchmal bleibt er die dort und schläft im Auto. Dann geht’s ihm etwas besser. „Seit 2017 mache ich das schon mit“, sagt der 52-Jährige. „Meine Gesundheit ist ruiniert“, stellt er nüchtern fest.

Auch Klaus Stifel könnte manchmal aus der Haut fahren. Er steht auch schon seit zirka  fünf Jahren unter akustischem  Dauerbeschuss. Der 49-Jährige vernimmt „ein Brummen und Summen“, das sich anhört „wie eine ziehende Pumpe“.

Jürgen Hodler aus Bisingen und Klaus Stifel aus Rangendingen sind nicht die einzigen, die hellhörig geworden sind, nachdem sich in der Ortschaftsratssitzung am 5. Juni in Bad Imnau Anwohner über einen mysteriösen Brummton beschwert haben (wir berichteten).

Das Brummton-Phänomen, auch „The Hum“ genannt, ist auf der ganzen Welt bekannt. Allein in Deutschland macht der mysteriöse Brummton Tausenden das Leben zur Hölle. Es soll sich anhören wie ein alter, kaputter Kühlschrank oder ein mit Standgas laufender Lkw-Dieselmotor, nur etwas dumpfer. Die Fallzahlen steigen und eine Intensivierung der Ursachenforschung wäre dringend geboten. Aber bis heute ernten Betroffene oft nur ein Schulterzucken.

Es könnte doch Einbildung sein, einfach nur ein Nervenflattern oder vielleicht ein Tinnitus? Aber da winken Betroffene ab. „Ich höre das Brummen im ganzen Haus, im Freien aber nicht“, liefert Klaus Stifel den Gegenbeweis. Und Jürgen Hodler kann Messergebnisse vorlegen, die eins zu eins belegen, was er hört.

Bereits 2002 hat die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) das Brummton-Phänomen untersucht. Selbst die Experten gelangten damals zu dem ernüchternden Fazit: „Die Ursachen und Ursprünge von tieffrequenten Geräuschen sind vielfältig und lassen sich im konkreten Fall oftmals nur schwer aufklären.“ Als mögliche Quellen werden Motoren genannt, auch Feuerungsanlagen, Stromtrassen, Mobilfunkantennen, Kühlaggregate, Windräder und, und, und.

So vielfältig die Möglichkeiten, so kleinteilig die Ursachenforschung vor Ort. In Bad Imnau hat man zum Beispiel die Heizung im Bürgerzentrum und die Lüftung im Schwimmbad als Geräuschquelle in Verdacht. Klaus Stifel hingegen vermutet, dass die Hochspannungsleitung in der Nähe seines Hauses etwas damit zu tun hat. Und Jürgen Hodler hatte das Glück, wenigstens einmal einen Übeltäter ausfindig gemacht zu haben: ein defekter  Schalldämpfer in einer etwa einen Kilometer entfernten Biogasanlage. „Wir haben hier im Ort inzwischen drei Biogasanlagen und überall werden Blockheizkraftwerke eingebaut“, schildert der Bisinger die kontinuierliche Zunahme an tieffrequenten Geräuschquellen.

Schall, dessen Frequenz unterhalb der menschlichen Hörfläche liegt, nennt man Infraschall. Vieles von dem, was Jürgen Holder  berichtet, „spricht tatsächlich für Infraschall unbekannter Herkunft“, bestätigt der Rangendinger Umweltforscher Dr. Wolfgang Müller.

Eine Adresse, an die sich Betroffene im Zollernalbkreis wednen können, ist das Gewerbeaufsichtsamt am Landratsamt. Auch Jürgen Hodler hat sich schon mehrfach an die Behörde gewandt. Die habe auch reagiert. Es seien Nachtmessungen vorgenommen worden, die Mitarbeiter hätten sich bemüht und eingesetzt. Aber die Ergebnisse stellen den Bisinger nicht zufrieden. Er würde sich Spezialisten wünschen, die sich endlich diesem weit verbreiteten Phänomen annehmen. „Aber darauf sind in ganz Deutschland nur zwei oder drei Ingenieurbüros spezialisiert und die sind ausgebucht und kosten auch richtig Geld“, weiß der frühere Transportunternehmer, der mit den Jahren selbst zu einem Lärmexperten geworden ist. Viele tausend Euro habe er schon investiert, um selbst dem Problem auf den Grund zu kommen. Vergebens. Dabei würde er gern nicht nur sich selbst, sondern auch anderen aus der Not helfen wollen. Denn noch mehr Sorgen als um seine eigene Gesundheit macht sich der 52-Jährige um eine 74-jährge Leidensgenossin aus Bisingen. Sie sei noch viel schlimmer dran als er.

Fast ist Jürgen Hodler versucht, noch einmal tief in die Tasche zu greifen, und ein qualifiziertes Gutachten in Auftrag zu geben. Aber dann wiederum sieht er nicht ein, dass Betroffene in Vorleistung gehen müssen. Dass den Brummton-geplagten Bürgern in Bad Imnau gesagt wurde, sie müssten sich selbst um das Problem kümmern, sei auch nicht zu akzeptieren. „Die Gefahrenabwehr ist nun mal eine originäre Aufgabe des Landratsamtes“, so die Überzeugung des Bisingers.

Auf eine Anfrage der HZ bei der Pressestelle des Landratsamtes, ob es in den vergangenen Monaten vermehrt Anfragen zum Brummton-Phänomen gegeben hat und was den Betroffenen geraten, beziehungsweise was unternommen wurde, ging bislang noch keine Antwort ein – wird aber noch nachgereicht.

Akustik kann wie eine Waffe sein

Das Brummton-Phänomen ist eine ernstzunehmende Belastung. Wie ernst, zeigt ein Vorfall 2017 in der US-Botschaft auf Kuba: Nach mutmaßlichen Akustik-Attacken zogen die USA Diplomaten aus Havanna ab. Die Opfer klagten über Hörverlust, Schwindel, Kopfschmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen. Beschreibungen der Angriffe durch die Opfer erinnern an Science-Fiction-Thriller. So berichteten einige davon, dass es in Räumen regelrechte Schallblasen mit dröhnenden Lärm gegeben habe, aber in anderen Teilen des Raumes alles ruhig war.