Muttermord – das mit schlimmste Verbrechen in der moralischen Vorstellung vermutlich aller Gesellschaften dieser Erde. Grauenhaft, unvorstellbar.
Unvorstellbar? Zwar wurde gestern der weitere Prozess gegen einen 40-Jährigen aus Haigerloch für nicht öffentlich erklärt, es zeichnete sich aber beim Verlesen der Anklageschrift am Landgericht Hechingen doch die Gründe ab, die ihn dazu brachten, im Juli vergangenen Jahres mit einem neun Zemtimeter langen Messer auf seine eigene Mutter loszugehen.

Mehrfach zugestochen

Es gibt nichts zu verharmlosen, offenkundig hatte er wirklich die Absicht, die 59-Jährige nicht nur zu verletzen oder gar bloß zu ängstigen, sondern ums Leben zu bringen. Mit dem linken Arm von hinten umschlungen und an sich gepresst, stach er mit der Rechten mehrfach auf sie ein. Die Frau konnte die Stiche gottlob abfangen, zog sich aber mehrere, teils schwere Verletzungen am Arm und an der Hand zu.

Bier statt Medikamente

Der Sohn muss sich in einem Ausnahmezustand befunden haben. Er ist, so entnahm man der Anklageschrift – vorgetragen von Staatsanwältin Andrea Keller – psychisch krank, leidet zudem an Diabetes. An dem Horrortag im Juli hatte der 40-Jährige seine Medikamente nicht genommen und sich stattdessen ein Bier genehmigt, was seine seelische Verfassung kaum gebessert haben dürfte.
Die Mutter, in Sorge um seinen Zustand, forderte ihn auf, die Medikamente und seine Dosis Insulin zu nehmen. Der Sohn lehnte das jedoch ab. Er lasse sich nicht für die Weißen Väter spritzen, soll er gesagt haben. Ein verworrener Satz schon deshalb, weil der Orden der Afrikamissionare seit Jahren nicht mehr in Haigerloch ansässig ist und die letzten Ordensbrüder, die heute in Hechingen leben, sicher nichts mit dem Angeklagten zu tun haben. Andererseits stellt die Aussage nochmals einen Hinweis darauf dar, dass der Mann geistig nicht bei sich war.
Auch der Bruder, der später hinzu kam, konnte den Angeklagten nicht zur Einnahme der Medikamente bewegen. Weil er erfolglos blieb, wandte er sich in einem Notruf an die Polizei, mit der dringenden Bitte, sie solle den Widerspenstigen zwangsweise in eine Klinik bringen. Das war um 17.19 Uhr.
Zur familiären Katastrophe kam es, als der Angeklagte kurz darauf die Polizeistreife mit zwei Beamten vorfahren sah. Im nächsten Augenblick zückte er das Messer und ging damit auf die Mutter los.
Der Bruder konnte zunächst nicht eingreifen, weil er kurz zuvor das Zimmer verlassen hatte und sich woanders im Haus befand. Als er die Mutter in Todesangst um Hilfe schreien hörte, war es beinahe zu spät. Es gelang ihm dann doch noch, den Angreifer von seinem Opfer zu trennen – mit mehreren Faustschlägen, bei denen der andere zu Boden ging. Die Polizei führte den Angeklagten anschließend ab. Seither befindet er sich in Verwahrung.

Saaltüren schließen sich

In dem Prozess wird es stark um Details aus der Kranken- sowie aus der Familiengeschichte des 40-Jährigen gehen. Beides jedoch ist nicht von öffentlichem Interesse, waren sich Verteidigung, Nebenklage, Staatsanwaltschaft und Gericht nach kurzer Beratung einig. Die Kammer bewilligte daher den entsprechenden Antrag und verhängte Nichtöffentlichkeit über die weitere Hauptverhandlung.

Keine Einzelheiten

Das Urteil, kündigte der Vorsitzende Dr. Hannes Breucker an, werde allerdings öffentlich gesprochen. Wobei er sich ebenfalls zum Schutz der Beteiligten auf die wesentlichsten Dinge beschränken und in seiner Begründung keine Einzelheiten „ausplaudern“ wolle.

Urteil ist für 8. Februar angekündigt


Behandlung Als Datum der Urteilsverkündung ist Montag, 8. Februar, 11.30 Uhr, vorgesehen. Die Anklage lautet auf Mordversuch und schwere Körperverletzung. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der Angeklagte für schuldunfähig befunden wird, nicht ins Gefängnis muss, sich jedoch weiterer Behandlung in einer geschlossenen Anstalt zu unterziehen hat.