Geislingen an der Steige Zu schön, um wahr zu sein

Geislingen an der Steige / BETTINA VERHEYEN 12.12.2013
Eine wunderschöne Inszenierung der "Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens rund um den Geizhals Ebenezer Scrooge haben Jung und Alt am Sonntag bei der Rätsche im Geislinger Schlachthof erlebt.

Am Schluss gab es Tränen: Charles Dickens Erzählung "Eine Weihnachtsgeschichte" ist aber auch anrührend; und die Inszenierung des Heidenheimer Naturtheaters zum Heulen schön. Warum der Schlachthof bei dieser Aufführung für Jung und Alt am Sonntag nicht aus allen Nähten geplatzt ist, verstehe wer will. Die Anwesenden jedenfalls verbrachten eineinhalb Stunden voller Staunen, Schmunzeln und auch mit gerührt sein.

Dickens Erzählung wurde 1843 erstmals veröffentlicht und prangert Missstände im England des 19. Jahrhunderts an. Max Barth vom Naturtheater bleibt bei seiner Inszenierung dieser Vorlage treu. Kostüme und Kulissen versetzen die Zuschauer knapp 200 Jahre in die Vergangenheit zurück. Der alte, verbitterte Geizkragen Ebenezer Scrooge sitzt im Frack hinter einem massiv wirkenden Schreibtisch und zählt seine Goldstücke, oder er macht es sich mit Schlafzipfelmütze im Ohrensessel vor dem Kamin gemütlich. Andererseits zeigt Barth Straßenszenen mit mehr oder weniger abgerissenen Gestalten und das karge Zuhause von Scrooges Angestelltem, Bob Cratchit.

Das Naturtheater Heidenheim ist bekannt für seine Liebe zu Details. Das Geislinger Publikum wurde immer wieder überrascht. Etwa mit tollen Geisterkostümen: Marley, Scrooges verstorbener Freund, kommt bleich und in Ketten daher, gibt sich gleichzeitig aber so leutselig, dass selbst die kleineren Kinder im Publikum über ihn lachen können. Oder die Geister, die Scrooge zu einem besseren Leben bewegen sollen: Der Geist der Vergangenheit kommt auf Rollschuhen unter seinem langen Gewand "angeschwebt", der Geist der Gegenwart hat ein blinkendes Weihnachtsbäumchen auf dem Kopf und der Geist der Zukunft erinnert irgendwie an Darth Vader . . .

Was die Geister für Scrooge inszenieren, lässt diesen tatsächlich zum besseren Menschen werden. Den Schauspielern - die Kleinen wie die Großen engagiert und professionell wie man sie kennt - bieten diese drei Szenen einmal mehr die Gelegenheit zu brillieren. Der Geist der Vergangenheit entrollt eine prächtige Weihnachtsfeier. Damals war Scrooge noch nicht mit Geldgier infiziert. Höhepunkt dieser Szene war ein Weihnachtsrezept-Rap.

Der Geist der Gegenwart besucht mit Scrooge unter anderem die Familie Cratchit. Sie sind arm und dennoch zufrieden. Und sie singen am Tisch sitzend dem Herrgott - und dem Rätsche-Publikum - mit glockenklaren Stimmen ein zu Herzen gehendes Lied. Scrooge beginnt sich zu ändern, als er sieht, wie schlecht es dem Sohn seines Angestellten, Tim, geht. Scrooge ist gerührt - und nicht nur er . . .

Der Geist der Zukunft schließlich bringt Scrooge auf den Friedhof, wo dieser hört, wie Leute nach seinem Tod über ihn sprechen. Dort sieht Scrooge auch das Grab Tims, der - arm und krank und schwächlich - nicht lange leben konnte. Um die Zukunft noch ändern zu können, rafft sich Scrooge zu einer Kehrtwende auf.

Das Ende ist zu schön um wahr zu sein: Scrooge teilt mit vollen Händen sein Geld aus, ist freundlich, kümmert sich um Tim. Spätestens als die Cratchits erneut ihr Lied anstimmen und das ganze Ensemble einfällt, zücken die Zuschauer die Taschentücher.

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