Zöpfe sind seine Leidenschaft

SWP 04.05.2013

Was noch vor ein paar Jahren als antiquiert und großmütterlich galt, ist seit geraumer Zeit wieder voll im Trend: Stricken. Peter Aicher ist einer der wenigen Männer, die sich der bestrickend schönen, fast meditativen Handarbeit widmen.

Von Monika Uldrian

Nicht immer ist es nachvollziehbar, wie sich Strömungen entwickeln. Gerade beim Stricken, das lange Jahre ein behäbiges Image inne hatte, ist dieser Wandel beachtlich.

Sie alle tun es- Stars wie Madonna, Julia Roberts, Uma Thurman, Sarah Jessica Parker oder die Models hinter den Kulissen der New Yorker Fashion Week. Dass es überwiegend Mädchen und Frauen sind, die strickend in Erscheinung treten, sind Überbleibsel einer je nach Geschlecht geprägten Erziehung. Manche fortschrittliche und emanzipierte Handarbeitslehrerin ließ jedoch auch schon in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts in der Grundschulzeit Jungs beim Nadelspiel schwitzen.

Und ja - stricken können nicht nur Frauenhände! Ryan Gosling, ehemaliger "Sexiest Man Alive", bekennt sich öffentlich zu seiner Liebe zum Stricken, ohne dass das seiner Attraktivität abträglich wäre. "Von meiner Kindheit an", antwortet der Albershäuser Peter Aicher auf die Frage, seit wann er stricke. Während Mutter und Schwester strickten, habe er gebastelt und zugeschaut. Seine Brüder waren die handwerklich geschickten, er eher "künstlerisch begabt", wie er mit einem Schmunzeln bekennt. Als junger Mann hat er Schals gestrickt, "nichts Aufwendiges". Nach längerer Abstinenz hat er vor rund zehn Jahren sein Hobby reaktiviert und sich auch an größere Objekte herangetraut. Seine besondere Vorliebe gilt dabei der Tracht. "Sie sind der Einzige, der vernünftige Zöpfe stricken kann", hört der 64-Jährige öfter von der Designerin, für die er Entwürfe mit Nadel und Wolle in Kleidungsstücke umsetzt. Ja, Zöpfe sind seine Leidenschaft. Sie gibt es in über einhundert Variationen - mit vier oder mehr Maschen, vor das Strickstück gelegt oder dahinter. Bei manchem Auftrag kommt der gebürtige Traunsteiner ins Schwitzen, "kapituliert habe ich jedoch noch nie, da packt mi dann der Ehrgeiz".

Dann gibt es nichts, was den strickenden Albershäuser stoppen könnte? "Doch, Socken stricken oder Fingerhandschuhe - des kann i net, gibt er unumwunden zu und ergänzt lachend, dass er da lieber eine Trachtenweste mache. Und diese entstehen oft vor dem Fernseher. Mit dicker

Wolle und bei einem

einfacheren Modell gar kein Problem. Bei

komplizierten Mus-

tern klappern Aichers

Stricknadeln tags-

über, denn dann

ist seine volle Konzen-

tration gefordert -

da würde selbst ein

Radio stören. So entstehen Woche für Woche in seiner als Nebenerwerb angemeldeter "Stricknadel" Pullis, Schals, Jacken, Loop-Schals oder Schulterwärmer. Anschließend werden Models für Strick- und Fachzeitschriften darin fotografiert. Dazu fertigt er häufig "Liassen" an, das sind

Strickmuster von 18 auf 23

Zentimeter Größe, die die Außendienstmitarbeiter der Wollfirmen als Muster zum Anfassen mit in die Läden nehmen. "Manchmal bekomme ich nur Fotos und muss die Berechnung für die aktuellen Muster selbst machen", beschreibt der gelernte Einzelhandelskaufmann, der Jahrzehnte in der Gastronomie gearbeitet hat, eine weitere Auftragsart. Hier gelte es, total konzentriert zu arbeiten, "dann sonst konnst verzweifeln", sagt er mit seinem bayerischen Dialekt. Herausforderungen sind auch zu dünne Wolle und Nadeln, "dann verkrampfen leicht die Finger" oder Mohair-Garne, die beim Auftrennen leicht verfilzen. Denn auch ein Profi muss ein-

mal ein paar Strickreihen auftrennen.

Als einziger Mann in einem 30-köpfigen Modell-Stricker-Team ist er der Exot, davon lässt sich Peter Aicher jedoch nicht beeindrucken. Ob Merino oder Baby Alpaka, Lurex, Tweed oder Cashmere - sie alle verstrickt er gerne. Lediglich der "Bommerl-Wolle" attestiert er, so richtig mühsam zu verarbeiten zu sein, denn nur die kurzen geraden Wollestücke können gestrickt werden, die dickeren Stellen (Bommerl) müssen jeweils durchgezogen werden.

Doch auch strickfreie Zeiten gibt es bei Peter Aicher. Dann hört er gerne klassische Musik oder entwirft neue Muster, die bald darauf

von der Theorie

in die handfeste Praxis umgesetzt werden müssen - womit die strickfreie Zeit ein rasches Ende findet. Und während alle auf die wärmenden Sonnenstrahlen warten, kennt der Strickprofi bereits die an- gesagten Farb-

trends für den kom- menden Win- ter flaschen- grün, braun, grau oder brombeer-

farben wird die Strick- mode dann sein.

"Wenn jemand ein bestimmtes Modell stricken möchte und sich das als zu schwierig herausstellt, übernehme ich es", benennt Aicher ein weiteres Tätigkeitsspektrum, die Auftragsarbeiten. Sei es die Jacke, die eine Neunjährige in weißem Flauschgarn bei einer Hochzeit tragen wird oder der roséfarbene Pullover mit Fledermausärmeln und Rüschen an Hals und Bündchen - nichts ist unmöglich.

Aber egal ob glatt rechts, Flecht-, Ajour- oder Wabenmuster, was jedem Strickstück voraus geht, ist eine Maschenprobe. "Dazu würde ich jedem raten, denn einer strickt fester, einer lockerer - dann schon stimmen die Angaben auf dem Wollknäuel nicht mehr", lautet einer von Aichers wichtigsten Tipps.

Und öfter zu den Nadeln zu greifen, hat auch für die Gesundheit positive Aspekte, wie eine Strick-Recherche ergibt: In seinen Untersuchungsergebnissen beschreibt Dr. Herbert Benson, Medizinprofessor an der Harvard Universität, die blutdrucksenkende und Stress reduzierende Wirkung des Strickens. Darin heißt es: "Durch die rhythmische, monotone Tätigkeit in Verbindung mit dem Klicken den Stricknadeln entsteht ein beruhigendes Mantra. Die Gedanken können lose umherschweifen, während sich der Verstand auf die Strickarbeit konzentriert". Stricken - das neue Yoga? Dann los ins Handarbeitsgeschäft. Denn wenn der Kleiderschrank keinen Platz für die neueste Strickmode bietet, gibt es genug Alltagsgegenstände wie Regenrinnen, Laternenmasten oder Skulpturen, die nichts gegen ein bestrickend schönes Äußeres haben. Dieser Trend heißt dann "Urban Knitting" - hier stricken sogenannte Strickguerilla-Aktivisten für die Verschönerung ihrer Umgebung. Von wegen altbacken und gestrig - lets strick!!

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel