Am Anfang gibt es Protest. „Schuhe und Socken ausziehen? Das ist voll eklig, Mann“, nörgelt ein Jugendlicher. Auch die anderen Insassen sind wenig begeistert, nur barfuß den Raum betreten zu dürfen. „Schuhe ausziehen muss sein“, sagt Maren Güssmann. Wer das nicht will, muss zurück in die Zelle. „Lieber Yoga als Zelle“, meint der 18-jährige Markus H. und fügt sich schmollend. Die acht Teenager, ausschließlich junge Männer, setzen sich auf ihre Matten in dem kleinen Raum im Erdgeschoss der Jugendarrestanstalt. Das Fenster ganz oben unter der Decke ist gekippt. Gut so, denn die Jugendlichen werden bald ordentlich ins Schwitzen kommen.

Emotionen resetten 

Erwartungsvoll schauen die jungen Straftäter Maren Güssmann an, kichern, blödeln herum. „Wenn ich mich selbst hasse, kann die Welt um mich herum noch so schön sein, ich kann es nicht genießen“, sagt die Yogalehrerin. Sie lässt sich nicht beirren, und plötzlich wird es mucksmäuschenstill. „Viele negative Emotionen lassen sich in Form von Spannung im Organismus nieder. Mit Yoga lassen sich diese Emotionen wieder resetten“, fährt die 31-Jährige fort. „Achtet mal drauf, wie Ihr Euch vor und nach dem Yoga fühlt.“

Raus aus Gedankenmühle

Dann geht es richtig los. Die Teilnehmer sollen sich auf den Rücken legen, die Augen schließen, sich auf sich konzentrieren. Maren Güssmann lässt leise, ruhige Musik laufen. „Es geht hier nicht darum, cool zu sein“, sagt sie ihren Schützlingen. Vielmehr sollen die „harten Jungs“ ihren Körper spüren, die Außenwelt ausblenden, ganz bei sich sein. Eine Hand kommt auf die Brust, eine auf den Bauch. Dann tief einatmen und möglichst langsam ausatmen. „Wenn Ihr nachts in der Zelle nicht schlafen könnt, ist das eine gute Übung“, erklärt Maren Güssmann. „Der Herzschlag fährt runter, und man kommt raus aus dieser Gedankenmühle, wenn man tief und langsam atmet.“

Die 31-Jährige weiß, wovon sie spricht. Seit 2011 macht die Rechberghäuserin Yoga, ausschlaggebend war ein längerer Aufenthalt in Australien. Etwa zwei Jahre lebte Maren Güssmann in Down Under, die meiste Zeit in Byron Bay, dem Surf- und Yoga-Mekka Australiens. „Mein Antrieb war, mich selbst besser kennen zu lernen. Ich wollte auf dieser Reise zu mir selbst finden“, blickt die gelernte Physiotherapeutin zurück. Ein Jeep Cherokee und ein Surfbrett waren anfangs ihre einzigen Begleiter, bevor sich die junge Frau in dem  Yogazentrum  niederließ.

Abstecher nach Indien 

Von Australien aus machte sie einen Abstecher nach Indien, wo sie am Kundalini-Yoga-Festival in Rishikesh teilnahm und endgültig ihre Liebe zu dieser Philosophie entdeckte. „Yoga hat sich für mich zu einem wichtigem Hilfsmittel und Werkzeug entwickelt und mir geholfen, eine bessere und stabilere Connection zu mir selbst aufzubauen“, erklärt die junge Frau. „Hätte ich das alles früher gewusst, wäre mir Vieles erspart geblieben.“

Diese Erfahrungen will sie weitergeben, künftig auch in Schulen. Maren Güssmann schwebt vor, Schülern Techniken beizubringen, wie sie beispielsweise Prüfungsstress abbauen können. Auch im Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd, wo sie im vergangenen Jahr einen Kurs gegeben hat, will sie wieder Yogastunden geben: „Das war supergut.“

Menschen an die Hand nehmen 

In der Jugendarrestanstalt in Göppingen unterrichtet sie seit mittlerweile zweieinhalb Jahren Yoga und Meditation. Warum hat sie sich ausgerechnet junge Straftäter als Schüler ausgesucht? Maren Güssmann überlegt nicht lange: „Wenn wir aus dieser Welt einen besseren Ort machen wollen, müssen wir bei Jugendlichen und Kindern anfangen, weil sie unsere Zukunft sind“, sagt die 31-Jährige. In unserer Gesellschaft würden Menschen oft verurteilt, anstatt sie an der Hand zu nehmen und ihnen einen besseren Weg zu zeigen. „Das versuche ich zu ändern.“

Es scheint zu funktionieren. Das Gekicher in dem kleinen Raum in der Jugendarrestanstalt wird immer weniger. Ab und zu unterhalten sich zwei Teilnehmer oder lassen eine Übung aus. Quertreiber gibt es jedoch nicht. Vielmehr stoßen die jungen Männer immer wieder an Grenzen. Merken, wie schwierig es ist, einige Minuten im Schneidersitz zu sitzen. Stöhnen, wenn sie sich auf dem Bauch liegend mit der Hand einen Fuß schnappen sollen. „Das zieht voll“, tönt es aus einer Ecke.

Wenn die Muskeln zittern

Ein anderer fragt sich: „Wie soll ich das machen?“ Was vor einer halben Stunde noch als Lachnummer galt, wird zur Herausforderung. Und sie sind stolz, wenn die Muskeln zittern und sie trotzdem durchgehalten haben: „Oh, ich hab’s geschafft, Leute“, sagt Hakan Ö. und freut sich sichtlich. Die harten Jungs kommen ordentlich ins Schwitzen, nicht alle machen alles mit, aber der Wille zählt. „Beißt Euch durch“, fordert Maren Güssmann die 17 und 18 Jahre alten Yoga-Schüler auf.

Sie beißen sich durch. Jede Woche, manchmal sogar zwei Mal. „Die Hälfte der Jugendlichen sagt beim Aufnahmegespräch, dass sie beim Yoga nicht mitmachen wollen“, sagt Rudi Zauner. Er ist in der Jugendarrestanstalt für die Einteilung der Gesprächsgruppen, Schulklassen und der Gruppen für das soziale Training zuständig. „Doch dann spricht sich das rum, und plötzlich wollen viele dabei sein.“ Oft gebe es Wartelisten, weil nur acht Teilnehmer in dem kleinen Raum üben können.

Man bekommt den Kopf frei

Schwer fällt so manchem Insassen die Entspannung am Schluss. Einfach nur daliegen, nichts tun, mit sich allein sein, alles andere ausblenden. Zu viel geht offenbar in den Köpfen der Yoga-Teilnehmer herum, die schon im Teenie-Alter straffällig geworden sind. Das Fazit ist jedoch eindeutig: „Mir hat es gut gefallen“, sagt Markus H., der wegen Körperverletzung sitzt, stellvertretend für seine Mitstreiter. „Mir tat der untere Rücken weh, jetzt nicht mehr“, meint ein Jugendlicher mit Baseball-Mütze. Ein anderer, der wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz in der Arrestanstalt ist, sieht eher mentale Vorteile: „Das ist chillig. Man bekommt den Kopf frei.“

Genau das ist auch der Grund, warum Maren Güssmann jeden Morgen mindestens eine Stunde Yoga macht. Wenn viele ihrer Schüler genau das auch erleben, freut sie sich. „Aber ich mache das nicht, um erfolgreich zu sein oder anderen ein Hochgefühl zu verschaffen“, betont die 31-Jährige. Vielmehr gehe es darum, ihren Schützlingen Anregungen zu geben. „Ich freu’ mich riesig, wenn wir zusammen eine gute Zeit hatten“, sagt Maren Güssmann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wenn ein Insasse der Jugendarrestanstalt ihr beim nächsten Treffen erzählt, dass er zum ersten Mal in der Zelle schlafen konnte, sei das natürlich umso schöner. „Auf jeden Fall nehme ich auch für mich sehr viel mit.“

Auch die Jugendlichen nehmen viel mit, wenn sie nach dem Unterricht Socken und Schuhe wieder anziehen und in ihren Arrest-Alltag mit Mittagessen, Zelle, Sport, Freizeit und Abendessen zurückkehren. „In 23 Stunden komme ich raus“, sagt der 17-jährige Kevin S. Er kann sich gut vorstellen, auch „draußen“ Yoga zu machen.

Übung für Körper und Geist

Yoga ist eine indische philosophische Lehre, die eine Reihe geistiger und körperlicher Übungen umfasst. Der Begriff Yoga kann sowohl „Vereinigung“ oder „Integration“ bedeuten, als auch im Sinne von „Anschirren“ und „Anspannen“ des Körpers an die Seele zur Sammlung und Konzentration bzw. zum Einswerden mit dem Bewusstsein verstanden werden. Da jeder Weg zur Selbsterkenntnis als Yoga bezeichnet werden kann, gibt es im Hinduismus zahlreiche Namen für die verschiedenen Yoga-Wege, die den jeweiligen Veranlagungen der nach Selbsterkenntnis Strebenden angepasst sind. Kundalini-Yoga ist eine von vielen Yoga-Praxen.