Komödie Yasmina Rezas Komödie funktioniert nicht

Herzliche Begrüßung sieht anders aus: (v.l.) Andrea (Julia Hansen),  Françoise (Susanne Steidle), Eric (Christopher Krieg) und Boris (Heio von Stetten), der zuvor Yvonne (Doris Kunstmann) mit seinem
Cabrio angefahren hat. Fortan taumeln die Figuren von einer Peinlichkeit in die nächste.
Herzliche Begrüßung sieht anders aus: (v.l.) Andrea (Julia Hansen),  Françoise (Susanne Steidle), Eric (Christopher Krieg) und Boris (Heio von Stetten), der zuvor Yvonne (Doris Kunstmann) mit seinem Cabrio angefahren hat. Fortan taumeln die Figuren von einer Peinlichkeit in die nächste. © Foto: Staufenpress
Göppingen / SWP 22.02.2018

Doris Kunstmann und Heio von Stetten gemeinsam auf der Bühne – diese Ankündigung allein hätte früher die Göppinger Stadthalle gefüllt. Nun, die Zeiten haben sich geändert. Am Dienstagabend sahen gerade mal 400 Besucher Yasmina Rezas Beziehungskomödie „Bella Figura“.

Im Mittelpunkt des Stücks standen jedoch weder der Komödiendarsteller mit dem markanten Gesicht noch die Grande Dame des Theaters. Der heimliche Star der Aufführung (Regie: Thomas Goritzki, Ausstattung: Stephan Mannteufel) war ein Auto, genauer ein knallrotes Cabriolet. Fast anderthalb Stunden lang beherrschte es die Bühne: als Inbegriff einer auf Zerstreuung ausgerichteten Spaßgesellschaft, der der Spaß abhanden gekommen ist – aber auch quasi als Stein des Anstoßes. Denn Boris (Heio von Stetten) fährt mit dem Cabrio Yvonne (Doris Kunstmann) an, die zukünftige Schwiegermutter von Françoise (Susanne Steidle). Und die wiederum ist die beste Freundin seiner Frau. Das Pikante dabei: Neben Boris im Auto sitzt dessen Dauer-Geliebte Andrea (Julia Hansen), mit der er zu kurzem Essen und schnellem Sex verabredet ist.

Eigentlich ein schönes Szenario für eine turbulente Beziehungskomödie, vor allem, wenn man um die scharfe Beobachtungsgabe und sprachliche Finesse der Autorin weiß. Doch was sich in Rezas Erfolgskomödien „Der Gott des Gemetzels“ oder „Drei Mal Leben“ raffiniert entwickelt – ein ausgeschlagener Kinderzahn oder ein unvorbereitetes Abendessen lösen dort Konflikte aus, die allmählich Risse im kultivierten Benehmen sichtbar machen – wirkt hier statisch. Ein Beispiel: „Oder wir gehen ins Ibis und vögeln gleich.“ Was für ein erster Satz von Boris. Da ist schon fast alles über die Beziehung gesagt. Eine Entwicklung, eine Eskalation findet kaum statt.

Was folgt, ist, wie es in einer Pressemitteilung heißt, „ein Fegefeuer der Peinlichkeiten und Fettnäpfchen“, das den Zuschauer etwas ratlos zurücklässt. Denn abgesehen von den kurzen Pausen für den Umbau zum nächsten Bild, den die tänzelnden Darsteller selbst zu Chanson-Klängen von Zaz besorgen, bleibt das Personal seltsam leblos. Es fehlt der Esprit, und statt der versprochenen Wortgefechte liefern die Figuren monolithische Selbstreflektionen ab, die teilweise ausgesprochen amüsant auf Pointe getrimmt sind, aber weder entlarven noch Handlung vorantreiben. Sätze wie „Bevor du dich in die Garonne stürzt, mein Schatz, könntest du an deinem letzten Abend bella figura machen“ (Andrea zu Boris) wirken wie aufgesagt – oder als seien sie in die Motorhaube des Sportflitzers gestanzt.

Am guten Ensemble liegt es nicht: Susanne Steidle agiert solide als Françoise – überspannt und bei allem Zynismus sehr verletzlich –, Christopher Krieg gibt glaubhaft den Berufsoptimisten Eric, den das ganze Theater um die Familie eigentlich nur noch nervt. Julia Hansen neigt zum Overacting, überzeugt aber sonst als Mittvierzigerin Andrea mit ausgeprägter Sehnsucht nach der gepflegten Langeweile des Familienlebens. Und Boris gefällt in einer komödientypischen Rolle als ebenso selbstmitleidiger wie selbstgefälliger Gockel.

Mit ihrer starken Präsenz beeindruckt vor allem Doris Kunstmann. Deren gebrechliche Yvonne rührt in einigen Passagen durchaus an. So macht am Ende eine alternde Frau mit beginnender Demenz – die Frage „Wo ist meine Tasche?“ wird zum running gag – als einzige bella figura, indem sie ihr Schicksal annimmt. Eine schöne Pointe. Man hätte sich mehr davon gewünscht.

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