Welche Konfession eine Verstorbene, ein Verstorbener hatte, ist weder für Annett Bräunlich-Comtesse noch für Norbert Köngeter ausschlaggebend. Ist ein Mensch gestorben und hat zu Lebzeiten den Wunsch geäußert, von einem Seelsorger begleitet zu werden, übernehmen diesen letzten Dienst an den Menschen die evangelische Pfarrerin und der katholische Stadtdiakon gerne. Dies gilt auch dann, wenn ein Verstorbener obdachlos war oder keine Angehörigen auszumachen sind.

Einsamkeit nimmt zu

„Es ist für mich völlig egal, ob ein Trauergast oder hundert am Grab stehen – die Zeremonie ist immer die gleiche“, betont Norbert Köngeter. Dass sich allerdings gar niemand aus dem Umfeld des Verstorbenen findet, der ihm die letzte Ehre erweist, „das ist selten und die Ausnahme. Meist findet sich jemand“, ist seine Erfahrung. Immer wieder kommt es aber doch vor – und scheinbar immer öfter, wie auch der Blick in die Statistik der Göppinger Friedhofsverwaltung belegt (siehe Infobox). „Das bewegt mich besonders und ist ungewöhnlich und schwierig und zeigt, dass die Vereinsamung in unserer Gesellschaft zunimmt“, sagt Annett Bräunlich-Comtesse.

„Es ist ein trauriger Moment, einen Menschen zu bestatten, den niemand begleitet“, stellt auch Norbert Köngeter fest. Und: „In so einem Leben ist etwas schiefgelaufen.“ Viele Menschen haben ein Leben lang gearbeitet und dennoch alle sozialen Kontakte verloren. Das stimme nachdenklich. Und daraus ergebe sich ganz automatisch die Frage: „Wen nehme ich in meinem Umfeld nicht oder nicht mehr wahr“.

Verstorbenen eine Geschichte geben

Der Stadtdiakon versucht, wenn er von der Stadt oder einem Bestattungsunternehmer angefragt wird, so viel wie möglich über die oder den Verstorbenen in Erfahrung zu bringen. Bei der Zeremonie am offenen Grab gehe es darum, „ihm ein Gesicht und eine Geschichte zu geben“. „Ich vertraue auch diese Menschen der Geborgenheit Gottes an“, betont die Pfarrerin der Stadtkirchengemeinde Oberhofen. „Auch sie haben vor Gott ein Gesicht und einen Wert“.

2018 waren es 28 Bestattungen ohne Angehörige


Unterscheidung „Bei den sogenannten Armenbestattungen wird zwischen Verstorbenen, die obdachlos und ohne festen Wohnsitz verstorben sind, und zwischen Personen, die ohne Angehörige verstorben sind oder deren Angehörige zunächst nicht auffindbar sind bzw. für die eine nach dem Bestattungsgesetz bestattungspflichtige Person (naher Angehöriger) fehlt, unterschieden“, erläutert Olaf Hinrichsen, Pressesprecher der Stadt Göppingen. „In beiden Fällen wird die Bestattung von der Ortspolizeibehörde angeordnet und zunächst bezahlt“, erklärt er weiter. Für Obdachlose gebe es auf dem Göppinger Hauptfriedhof ein spezielles Gräberfeld. „Personen ohne Angehörige werden in Rasengräbern bestattet.“

Schwankung Die Anzahl dieser Bestattungen schwankte in den vergangenen Jahren stark. Obdachlose waren es maximal fünf im Jahre 2013. Im vergangenen Jahr wurden 28 Menschen ohne Angehörige bestattet, im Jahr zuvor waren es 19.