Göppingen Wohnheim für Haftentlassene eingeweiht

Freude über das neue Wohnheim für die Bewährungshilfe: Sozialarbeiterin Annegret Tenk-Knufmann (links) mit Gästen.
Freude über das neue Wohnheim für die Bewährungshilfe: Sozialarbeiterin Annegret Tenk-Knufmann (links) mit Gästen. © Foto: Staufenpress
Göppingen / JÜRGEN SCHÄFER 09.10.2014
In die Göppinger Nordstadt umgezogen ist das Übergangswohnheim für Haftentlassene und Straftäter, die unter Bewährung stehen. Proteste aus der Nachbarschaft haben sich offenbar beruhigt.

Vor Jahren hatten sich Anwohner gegen die Absicht gewehrt, an der Ecke Christophstraße/Obere Marktstraße ein Wohnheim für Straftäter auf Bewährung einzurichten. OB Guido Till setzte sich an die Spitze des Protests. Aber an einem Runden Tisch ließ sich das lösen, berichtet der Vorsitzende des Vereins für Bewährungs- und Straffälligenhilfe in Ulm, der das Wohnheim betreibt. Man habe das Missverständnis ausgeräumt, dass hier Sicherheitsverwahrte untergebracht würden, sagt Gerd Gugenhan, besser bekannt als Vorsitzender Richter am Landgericht Ulm. "Der Protest ist in sich zusammengebrochen." Zuvor hätten auch Leute unterschrieben, "die ganz woanders wohnen". Bei der Einweihung des Hauses dankte Gugenhan dem OB, den Bürgermeisterin Gabriele Zull vertrat, für seine "tatkräftige Unterstützung". Er betonte: Resozialisierung könne man nicht auf der Grünen Wiese betreiben. Ein Übergangswohnheim müsse mitten in der Stadt sein. Es würden hier auch keine Auswärtigen untergebracht.

"Schön ist es geworden", strahlt ein Vereinsmitglied, das einen ersten Blick ins Erdgeschoss wirft. "Oben ist es noch viel schöner", sagt Annegret Tenk-Knufmann. Die Bewohner haben sechs hell gestrichene Zimmer auf zwei Etagen, die zwei Sozialarbeiterinnen zwei Büros und einen Besprechungsraum. Das sind zwei Räume mehr als an der Alexanderstraße, wo das Übergangswohnheim fast 30 Jahre bestand. "Wir sind dort aus allen Nähten geplatzt", sagt Tenk-Knufmann, die schon 24 Jahre dabei ist und bestätigen kann: "Dort gab es nie Probleme mit den Nachbarn." Sie und ihre Kollegin Ricarda Hoch brauchen diese Räume angesichts gewachsener Aufgaben. Sie betreuen auch Familien von Häftlingen, vermitteln Leute in gemeinnützige Arbeit, die ihren Strafbefehl nicht bezahlen können - "Schwitzen statt Sitzen" - und ebenso jugendliche Straftäter, die mit gemeinnütziger Arbeit Entschädigung für ihre Opfer leisten wollen. Außerdem gibt Tenk-Knufmann in Ulm Anti-Aggressionstraining.

"Eingewiesen wird hier keiner", stellt sie klar. Ins Übergangswohnheim gehen Haftentlassene und auf Bewährung Verurteilte Straftäter, die wenig familiäre Bindung und kein Geld hätten. Oder auch während der Bewährungszeit die Wohnung verloren haben. Die Sozialarbeiter helfen ihnen, Arbeit und Wohnung zu finden. Die zweite Aufgabe: Grenzen setzen, Orientierung geben. "Wer sich nicht an die Spielregeln hält, muss das Haus verlassen." Aktive Mitarbeit wird gefordert, und vor dem Einzug gibt es ein Vorstellungsgespräch. Nicht alle werden angenommen. In der Regel blieben die Bewohner ein halbes bis ein ganzes Jahr. Manchmal gibt es Wartelisten. "Hier sind die Willigen", sagt Knufmann, "jeder geht anders weg, als er gekommen ist. Er nimmt etwas mit". Wie hoch die Erfolgsquote ist - Knufmann weiß das nicht. Sie erfahre das nicht. Es sei denn, einer kommt zweimal zu ihr. Was auch vorkomme.

"Es klappt vieles", sagt der Direktor des Amtsgerichts Göppingen, Wolfgang Rometsch, der den Kreis der Wiederholungstäter als Richter besser überblicken kann - früher auch als Chef der Justizvollzugsanstalt Ulm. Damals war er auch zweiter Vorsitzender des Vereins für Bewährungs- und Straffälligenhilfe.

Ein Kommentar von Jürgen Schäfer: Ein gutes Fundament

Es ist schön zu hören, dass der Protest gegen ein Übergangswohnheim für entlassene Straftäter in der Göppinger Nordstadt wieder verstummt ist. Vor drei Jahren war das noch ein schriller Aufschrei von Anwohnern, die das Absinken ihres Wohnquartiers fürchteten. Sie empfanden es als Zumutung, neben Heilsarmee und einer Anlaufstelle für Drogenkonsumenten auch noch ein Heim für Haftentlassene zu bekommen. Der OB stellte sich hinter sie. Gut, dass es am runden Tisch gelungen ist, die Wogen zu glätten. Warum auch soll in der Oberen Marktstraße nicht möglich sein, was vorher fast 30 Jahre lang in der Südstadt funktioniert hat. Das Wohnheim ist ein Angebot für die Geläuterten, die nach Verurteilung oder Knast wieder Fuß fassen wollen. Wer nicht mitzieht, fliegt raus. Es ist für sie ein Haus der neuen Chance. Die Gesellschaft braucht das unbedingt, wenn sie die Kriminalität eindämmen will. Für die wichtige Arbeit des Vereins für Bewährungs- und Straffälligenhilfe ist das Haus ein Meilenstein. Die Heimbewohner können in freundlichen Räumen ihren Neustart anpacken, die Sozialarbeiterinnen haben Platz für ihre wachsenden Aufgaben. Die stillen Helfer vom Trägerverein sehen, dass sie etwas bewegen können. Man muss es betonen: Im Verein engagieren sich Juristen für Haftentlassene und Verurteilte auf Bewährung. Weil sie in ihnen Menschen sehen, die eine Perspektive brauchen.

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