Kreis Göppingen Wilhelmshilfe: Weckruf hallt nach

Eine Pflegerin im Einsatz. Der Personalmangel hat die Wilhelmshilfe im Kreis Göppingen vor einem halben Jahr zu einem ungewöhnlichen Schritt veranlasst. Das Fazit fällt nun insgesamt positiv aus.
Eine Pflegerin im Einsatz. Der Personalmangel hat die Wilhelmshilfe im Kreis Göppingen vor einem halben Jahr zu einem ungewöhnlichen Schritt veranlasst. Das Fazit fällt nun insgesamt positiv aus. © Foto: Holger Hollemann
Kreis Göppingen / Arnd Woletz 18.05.2018
Der Vorstoß der Wilhelmshilfe, bei akutem Personalmangel keine Patienten mehr anzunehmen, kam auch bei der Belegschaft an.

Es war – auch aus wirtschaftlicher Sicht – ein Wagnis, aber es hat sich gelohnt. Dagmar Hennings und Matthias Bär, die die Geschäfte der Wilhelmshilfe im Kreis Göppingen leiten, ziehen ein positives Fazit eines ungewöhnlichen Schritts. Der größte Altenhilfe-Träger im Landkreis hatte vor einem halben Jahr einen lauten Weckruf in die Branche geschickt: Vorübergehend wurden im ambulanten Pflegebereich keine neuen Kunden mehr angenommen. Und wenn aus den Pflegestationen das Signal kam, dass personell nichts mehr geht, blieben auch Betten leer.

Damit wollte die Wilhelmshilfe damals Verantwortung gegenüber dem eigenen Personal demonstrieren. Denn wie in allen Altenhilfeeinrichtungen arbeitet die Belegschaft regelmäßig am Limit oder darüber. Folgen sind oft ein erhöhter Krankenstand und starke Mitarbeiter-Fluktuation, was die Personalmisere noch verstärkt. Die Wilhelmshilfe hat es mit ihrer Offensive geschafft, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen. Jedenfalls berichten Hennings und Bär, es sei im ambulanten Bereich gelungen, neue Mitarbeiter einzustellen und die vorübergehend an die Diakoniestation abgegebenen Kunden wieder zu übernehmen. Abgesprungen sei niemand. Auch im stationären Bereich habe sich die Lage entspannt. Die jeweiligen Stationsleitungen seien zwar nach wie vor stark gefordert, die Personalsituation gut im Auge zu halten und Betten  behutsam wieder zu belegen, sagt Bär. Insgesamt gilt aber: „Wir konnten im ersten Quartal mehr Bewerbungen von Fachkräften verzeichnen als im ganzen Jahr zuvor“, erzählt Dagmar Hennings. „Das Signal ist offenbar bei Fachkräften angekommen.“ Außerdem habe die Wilhelmshilfe eine durchweg positive Resonanz von Mitarbeitern und überraschenderweise auch von Angehörigen erhalten.

Reagiert hat die Wilhelmshilfe auch bei internen Verbesserungen in der Fortbildung und bei Dienstplänen, erklärt Dagmar Hennings. Die sehr unattraktiven geteilten Dienste, bei denen der Mitarbeiter frühmorgens und dann noch einmal abends zur Schicht anrücken muss, gibt es bei diesem Träger nicht mehr. Statt dessen reichen die Touren weiter in den Abend hinein. Damit könne man auch auf die Wünsche der Kunden besser eingehen, sagt Dagmar Hennings.

Der Träger hat für Mitarbeiter ein umfangreiches Gesundheitsvorsoge-Programm gestartet. Es gibt im Haus jetzt eine neue Stelle für Bildung und Praxisentwicklung. Auch beim Heranziehen des Pflege-Nachwuchses nehme die Wilhelmshilfe sich selber in die Verantwortung: „Wir wollen der beste Ausbildungsbetrieb im Landkreis werden.“ Dazu kommt, dass man weiterhin sowohl die Pflegekräfte als auch das hauswirtschaftliche und technische Personal nach Tarif bezahlen wird – auch wenn das zu den gefürchteten Preissprüngen führt, die den Angehörigen oft schwer im Magen liegen. Eine Reduzierung der Fachkräftequote in der Belegschaft kommt für das Führungsduo der Wilhelmshilfe ebenfalls nicht in Frage. Denn das habe unmittelbare Auswirkungen auf die messbare Qualität der Pflege, unterstreicht  Hennings. „Die Mitarbeiter wollen so pflegen, wie sie es gelernt haben. Sie sollen positiv von ihrem Beruf reden. Das ist das A und O.“

„Wir haben schon den Anspruch, das Einzugsgebiet komplett abzudecken“, sagt Bär, damit pflegebedürftige Menschen nicht in Heime abseits ihrer Heimatgemeinden ausweichen müssen. Die Hoffnung, dass andere Altenhilfeträger in der Region und darüber hinaus auf den von der Wilhelmshilfe gestarteten Zug aufspringen, habe sich allerdings nicht erfüllt, räumen die beiden Vorstände ein. Dafür hat der finanziell riskante Schritt in der Fachpresse und auf der politischen Bühne hohe Wellen geschlagen. Mit dem Sozialdezernenten des Landkreises habe es ein Gespräch gegeben. Beim Landratsamt liege schließlich die Verantwortung, dass genügend Plätze zur Verfügung stehen, deshalb mache man sich dort große Sorgen, wenn das Angebot verringert wird. Pflegeplätze sind tendenziell knapp. Auch die Pflegeexpertin und Göppinger SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens hörte den Weckruf und kam zum Gespräch.

Vom Erreichen der politischen Forderungen ist der Göppinger Altenhilfeträger aber noch weit weit entfernt. In den Koalitionsverhandlungen machte das Thema zwar Schlagzeilen, beispielsweise die Zusage, bundesweit  8000 zusätzliche Stellen zu schaffen. Das aber entlockt den beiden Wilhelmshilfe-Chefs nur ein zaghaftes Schmunzeln, denn: „Wo soll das Personal herkommen?“

Deshalb machen sich Hennings und Bär gar nichts vor: Das Thema Pflegenotstand ist längst nicht erledigt. „Die Belastungen sind nach wie vor sehr hoch“, räumt Hennigs ein. Deswegen werde die Führungsriege, mit Rückendeckung des Aufsichtsgremiums, die Lage weiterhin genau beobachten und gegebenenfalls wieder die Notbremse ziehen.

Was die Wilhelmshilfe politisch fordert

Pflegeversicherung Die Führungsriege der Wilhelmshilfe fordert unter anderem „ein wirkliches Teilkaskoprinzip bei der  Pflegeversicherung“. Der Träger hat sich deshalb  der Initiative „Pro Pflegereform“ angeschlossen, die eine Alternative zur derzeitigen Pflegeversicherung ausgearbeitet hat.

Weitere Punkte Zu den politischen Forderungen gehören beispielsweise einen faire Bezahlung aller Pflegefachkräfte, der Erhalt der hohen Fachlichkeit beim Personal, eine ausreichende Finanzierung der rehabilitativen Kurzzeitpflege, eine bessere Pflegeausbildung, die Gründung einer Pflegekammer und die Förderung von Quartierskonzepten in den Kommunen, damit Pflege auf eine breitere Basis gestellt wird.

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