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Ältere Menschen haben oft Probleme beim Übergang in den Ruhestand oder wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wie man damit umgeht, erklären die Psychotherapeutinnen Barbara Berger und Eike Fischer.

Was ist Alter?

BARBARA BERGER: Alter ist inzwischen vor allem ein Markt geworden. Die Zeitschriften haben das Alter entdeckt und da geht es vor allem darum, das Alter zu vermeiden. Die Illusion der ewigen Jugend wird angepriesen und dafür gibt es dann Anti-Aging-Mittelchen bis hin zu Schönheitsoperationen.

Was ist für Sie wichtig im Zusammenhang mit dem Alter?

BERGER: Für mich ist wichtig, das Alter möglichst anzunehmen und mich mit dem Alter anzufreunden. Schließlich gibt es dazu ohnehin keine Alternative. Wenn man das Alter annimmt und sich mit ihm versöhnt, was natürlich ein Prozess ist, kann man zufriedener sein, anstatt nur Antifaltencreme zu benutzen und ständig einen Kampf mit dem Alter und damit mit sich selbst zu führen.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

BERGER: Bei Frauen schließt sich das Zeitfenster früher, beispielsweise was den Kinderwunsch betrifft oder wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Bei Männern liegt die Problemphase eher am Berufsende, weil sie meist nicht so viele Lebensfelder gelebt haben wie Frauen. Das gilt natürlich nur in der Tendenz, beim einzelnen Menschen kann das auch anders sein.

Welche Folgen entstehen dann daraus?

BERGER: Die Abschiede gestalten sich intensiver zwischen den Müttern und ihren Kindern als zwischen den Vätern und den Kindern.

EIKE FISCHER: Väter haben oft einen weiteren Blickwinkel auf das Geschehen und packen diese Abschiede und Umbrüche deswegen leichter.

Was ist nach Ihrer Erfahrung das Hauptproblem bei älteren Menschen?

FISCHER und BERGER: Der Weg in die Individuation und alles loszulassen, beziehungsweise zu integrieren und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Gilt das auch für die Väter?

FISCHER und BERGER: Die Väter der heutigen älteren Generation waren kriegstraumatisiert und gleichzeitig unerreichbare Helden, die plötzlich liebevolle Väter sein sollten. Sie waren oft emotional nicht erreichbar und nicht verfügbar. Das hatte Folgen für die Kinder und heutigen Erwachsenen und kann heute zu vielfältigen psychischen Belastungen führen, die sich in Depressionen oder unerklärlichen Panikattacken äußern können.

Wie behandeln Sie ältere Patienten, die als Kind solche Erfahrungen gemacht haben und heute noch darunter leiden?

BERGER: Wir führen zu den Emotionen, um mit alten Gefühlen in Kontakt zu kommen, und wir versuchen zu zeigen, dass die früheren Verhaltensmuster alternativlos, überlebenswichtig und funktional waren, heute jedoch ihren Sinn verloren haben und zum Hindernis werden können. Das Gute ist, dass manche Probleme sozusagen "wasserlöslich" sind und sich daher tatsächlich in Tränen auflösen können.

FISCHER: Durch das Hinschauen geschieht ein Bewusstwerden und damit die Möglichkeit, zu neuen Sichtweisen, neuen Perspektiven und zu einem neuen Zugang zu kommen. Allerdings ist das kein Selbsterfahrungstrip oder ein Spaziergang, denn die Menschen kommen ja mit erheblichem Leidensdruck zu uns.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

FISCHER: Man kann das früher Geschehene nicht verändern, aber man kann eine andere Haltung dazu einnehmen und sich neu positionieren. Einerseits muss man in den Affekt reingehen und andererseits das frühere Verhalten aus einer größeren Distanz sehen. Es geht also für die Menschen darum, sich mit der Situation und mit sich selbst zu versöhnen und zu verstehen, dass das Verhalten aus dem damaligen Lebenskontext erklärbar ist und damals für den Menschen keine andere Alternative zur Verfügung stand. Heute gibt es jedoch eine Alternative des Verhaltens und des Erlebens.

Frau Berger, Sie arbeiten tiefenpsychologisch fundiert und systemisch. Was heißt das?

BERGER: Dieser Ansatz geht davon aus, dass unser Denken, Fühlen und Handeln nicht nur unserem Willen unterliegt, sondern auch unbewusst gesteuert wird, beispielsweise durch innere und äußere Konflikte. Diese unbewussten Konflikte wirken sich auch in der Beziehung zum Therapeuten oder zur Therapeutin aus. Dessen oder deren Aufgabe ist es dann, zusammen mit dem Patienten die unbewussten Hintergründe zu entdecken. In der systemischen Therapie wird nicht nur der Einzelne mit seinen Problemen gesehen, sondern sein Eingebundensein in Beziehungen und Strukturen. Im Fokus stehen dann nicht Defizite oder Störungen, sondern die individuellen Ressourcen der einzelnen Person.

Frau Dr. Fischer, was ist Ihr Schwerpunkt?

FISCHER: Als psychotherapeutisch tätige Ärztin und Kinder- und Jugendpsychiaterin und -psychotherapeutin behandle ich Jugendliche und Erwachsene. Psychiater haben eine Facharztausbildung hinter sich und dürfen auch die körperlichen Aspekte mit einbeziehen und Medikamente verschreiben. Darüber hinaus stehe ich als Psycho-Onkologin Krebspatienten beratend zur Seite und leite Balint-Gruppen.

Wie haben Sie beide sich gefunden? BERGER und FISCHER: Wir waren beide Elternvertreterinnen. So haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Jede von uns hat eine lange berufliche Vorgeschichte und wir haben uns dann dazu entschlossen, in einem neuen Rahmen zusammenzuarbeiten.

Zu den Personen

Barbara Berger war 24 Jahre als Diplom-Psychologin/Psychotherapeutin und Supervisorin im Psychologischen Beratungszentrum des Landkreises Göppingen tätig. Ihre zwei Standbeine sind tiefenpsychologische Therapie und systemische Supervision.

Dr. med. Eike Fischer war lange in Bonn in eigener Praxis niedergelassen. Sie ist ärztliche Psychotherapeutin im Bereich tiefenpsychologischer Psychotherapie und Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psycho-Onkologin und Balint- Gruppenleiterin.

Beide sind seit einem Jahr als Psychotherapeutinnen in gemeinsamer Praxis in Göppingen niedergelassen.